Transsiberian.

Fantasy Filmfest 2008 – Film 8

Auf einer transsiberischen Zugreise von China nach Moskau lernt das amerikanische Ehepaar Roy (Woody Harrelson) und Jessie (Emily Mortimer) den charismatischen Carlos (Eduardo Noriega) und dessen junge Freundin Abby kennen. Die Bekanntschaft bleibt für keinen der vier ohne Folgen, denn während sich bei Jessie zunehmend Misstrauen gegenüber den Mitreisenden breit macht, reagieren Carlos und Abby verdächtig nervös, als die Nachricht großangelegter polizeilicher Suchaktionen die Runde macht.

TRANSSIBERIAN ist kein spannender Film. Die unterschwellige Bedrohlichkeit, die von den gemäßigt zwielichten Mitreisenden ausgeht, setzt spät ein und erreicht zu keinem Zeitpunkt die Intensität, wie man sie beispielsweise bei EASTERN PROMISES (genauer: Armin Müller-Stahl und Viggo Mortensen) spüren konnte. Erst mit dem Auftritt von Ben Kingsley und Thomas Kretschmann wird das Dilemma für den Zuschauer greifbar. Dieser Teil beginnt allerdings spät und wird recht hastig abgehandelt.

Betrachtet man den Film jedoch als “Reisedrama mit bösem Ende”, ergibt sich ein anderes Bild. Jessies ganz persönliche Tragödie, die den eigentlichen Kern der Handlung bildet, schafft es durchaus, den Film zu stemmen, selbst wenn der actionlastig geschnittene Trailer eine ganz andere Art Thriller versprach. Und hier ergibt auch die ruhige, gedehnte Erzählweise Sinn, lässt sie Geschichte und Figuren doch erst realistisch wirken. Die gut geschriebenen und vortrefflich transportierten Dialoge vervollständigen den niveauvollen Eindruck.

Lobend zu erwähnen sind hier natürlich die Darsteller. Woody Harrelson und (besonders überzeugend) Emily Mortimer leisten glänzende Arbeit, ihre Charaktere auf die Leinwand zu bringen. Sie wirken zu jedem Zeitpunkt echt und glaubwürdig, und das obwohl immer wieder erkennbar wird, dass ihre Rollen auch repäsentativ für die archetypische amerikanische Mentalität fungieren sollen. Eduardo Noriega und natürlich Ben Kingsley enttäuschen ebenfalls nicht, Kretschmann und Kate Mara als Carlos Begleiterin fallen unter “ferner liefen”, erfüllen aber ihre Funktion.

TRANSSIBERIAN ist ein sehr ungewöhnlicher Thriller, der sich erzählerisch klar vom derzeitigen Genrestandard distanziert und voll auf den “Misstrauensfaktor” setzt, wie man es von diversen Klassikern kennt. Damit wird er das Massenpublikum nicht begeistern, Programmkinogänger und Leseratten, die andere Tonarten und Spannungskurven gewohnt sind, sollten ihm jedoch allein der Darsteller wegen eine Chance geben.

Hervorragend gespielter Thriller mit stark reduzierter Beschleunigung – Unter Vorbehalt sehenswert.


TM, 01.09.2008