Gone baby gone.

Inhalt: Nach dem Verschwinden eines vierjährigen Mädchens wird das Privatdetektiv-Pärchen Patrick Kenzie (Casey Affleck) und Angie Gennaro (Michelle Monaghan) von Verwandten der drogenabhängigen Mutter angeworben, um neben den offiziellen Ermittlungen der Polizei auf eigene Faust zu fahnden. Ohne Erfahrung mit solchen Fällen, doch bestens mit dem Viertel und seinen Bewohnern vertraut, dauert es nicht lange, bis die beiden in einem Sumpf aus Perversion, Korruption und Lügen zu versinken drohen.

Ein Schauspieler, der stets unterschwellig unsympathisch wirkt, von dem man aber trotzdem in keiner Szene den Blick nehmen mag, ist selten. Noch seltener, wohl auch bedingt durch die Ansprüche solcher Rollen, sind Figuren die einem komplexen, nicht unbedingt populären oder leicht verständlichen Moralkodex folgen.

Casey Affleck gehört zu jener Klasse Darsteller. Schon in DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD gelang es ihm meisterhaft, in gleichem Maß zwielichtig wie geradlinig wirken. Ein ähnlich facettenreiches Bild - mal vorbildlich, mal fragwürdig – darf er nun in diesem stillen, traurigen Thriller seines Bruders Ben Affleck vermitteln, was auch der sehr noiresque geschriebenen Hauptrolle zu verdanken ist.

Der Rest der illustren Besetzungsliste soll nicht unerwähnt bleiben. Morgan Freeman, Ed Harris und Michelle Monaghan (KISS KISS BANG BANG) servieren professionelle Hausmannskost und geben weder Grund zur Klage noch zur Euphorie. Ed Harris verlässt sich dabei weniger als Freeman auf sein Westentaschen-Repertoire und verleiht der Rolle des Polizisten Remy Bressant die nötige Intensität, mit der er sich gegen die bemerkenswerte, mutig besetzte Freak-Show der White-Trash-Nebenfiguren behaupten kann.

Abgesehen von dem Detail, dass unter den Charakteren keine Femme Fatale zu identifizieren ist, erfüllt der Plot gleich eine ganze Reihe klassischer Merkmale des Film Noire, und schafft es dabei mühelos, den Zuschauer zu überraschen und zu bewegen, ohne sich zu sehr auf die themabedingt verlockende Effekthascherei einzulassen.

Geradezu rar sind Regisseure, die solche Geschichten (erfolgreich) inszenieren. Das ausgerechnet der oft belächelte Ben Affleck mit seiner zweiten Regiearbeit nach dem 1993er Blockbuster „I Killed My Lesbian Wife, Hung Her on a Meat Hook, and Now I Have a Three-Picture Deal at Disney“ eine solche Herausforderung meistert, darf einen begeistern. Da verzeiht man als Zuschauer auch gern die Vetternwirtschaft beim Casting.

GONE BABY GONE ist ein intelligenter, interessant erzählter Thriller, der zu Unrecht wenig beachtet wurde. In seinen besten Momenten moralisch herausfordernd, verlässt er sich mehr auf menschliche Faktoren als auf Action und zeichnet dabei ein zutiefst deprimierendes, aber auch nie langweiliges Bild voller menschlicher Schwächen und sozialem Grauen.


TM, 28.09.2008