Takeshis’.

Bei vielen Fachgebieten gilt: Tieferes Verständnis der Materie setzt umfassendes Grundwissen im betreffenden Bereich voraus. Klare Sache. Ganz natürlich. Es ist aber keine Prämisse, die ich auf Filme anwenden müssen möchte. Trotz allem (erzählerischen) Anspruch will ich doch in erster Linie unterhalten werden. Schließlich gibt es bei konkretem Wissensdurst in der Regel inhaltlich dichtere Alternativen. Anders formuliert: Genauso wenig, wie ich erwarte, durch einen Film zu einem Experten zu werden, wünsche ich mir, dass ein Film von mir verlangt, einer zu sein.

Zu genau solch einer Herangehensweise zwingen aber Insider-Werke wie TAKESHIS’. Gut möglich, dass man auch als Kitano Neuling auf seine Kosten kommt, wenn einem die absurde Komik mancher Szenen zusagt. In erster Linie ist der Film jedoch ein 140 Minuten langer, biografisch geprägter Insider-Gag, der sich nur dann wirklich erschließen lässt, wenn man bestens mit Kitanos Arbeit vertraut ist, im Idealfall alle seine Filme sowie den persönlichen Werdegang des Ausnahmeregisseurs kennt. Und selbst dann ist die verworrene, in weiten Teilen stark codierte Handlung kaum zu entziffern. Kitano verpackt Gedanken und Gefühle zu seiner schauspielerischen Arbeit in ein Netz wiederkehrender, oft traumähnlicher Metaphern, die zwischen selbstreferentiell und surreal mäandern.

Da ist einmal der Kitano, den man als “Beat Takeshi” kennt, in seiner Heimat neben den brutalen Gangsterfilmen vor allen Dingen für seinen absurd-überdrehten Humor bekannt und geliebt. Mit dessen Alltag zwischen Set und Glückspiel beginnt der Film. Als Takeshi aber auf einen Kassierer und erfolglosen Kleindarsteller Kitano trifft, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, wechselt das Augenmerk des Films auf diese Figur. Bald lässt sich nicht mehr sagen, ob eine Szene nun in der Wirklichkeit spielt, die Dreharbeiten eines misslungenen Filmprojekts dokumentieren oder einen Traum einer der Hauptfiguren darstellen soll. Die Wirklichkeiten beginnen nicht nur zu verschmelzen, sie verschwinden völlig. Darsteller aus Kitanos Umfeld tauchen in verschiedenen Rollen auf und zitieren dabei mindestens ebenso oft ihre Figuren und Filme wie der Meister.

Zu was macht das TAKESHIS’? Zu Meta-Kino, einem cineastischen Kommentar auf das eigene Schaffen, in dem ein großer Kreativer sich selbst analysiert und verspottet. Post-Kino mit Traumlogik, ohne erkennbaren Plot, mit diversen Längen und überstrapazierten Motiven, aber auch brillanten Augenblicken, in denen die – meiner Ansicht nach – wahren Stärken von Kitanos Kunst zur Geltung kommen.

Sieht man sich die Beurteilungen auf IMDB an, gibt es viele, die den Streifen lieben. Jene, die wissen, was Kitano mit dem Film bezwecken wollte. Eine Wende, einen Neuanfang. Doch spielt das eine Rolle, wenn das Ergebnis nicht für sich alleine stehen kann? Was ist von einem Film zu halten, der ohne derlei Vorwissen nicht verständlich ist?

Bei keinem Film der letzten Jahre ist es mir derart schwer gefallen, zu kommentieren. Aus keinem Film bin ich weniger schlau geworden. Man spürt, dass sich Kitano etwas dabei gedacht hat. Und man will kein Banause sein, wenn man ihn dafür kritisiert. Doch wie kann man eine Empfehlung für etwas aussprechen, das lediglich den eingefleischtesten Fans gefallen kann?

Was für einen gemäßigten Fan wie mich bleibt, ist die Freude, Kitano in Aktion zu sehen, und alte Bekannte aus seinen anderen Filmen wieder zu treffen. Auch hat das Abgleichen der Motive mit Kitanos Biografie einen gewissen, intellektuellen Reiz. Wirklich befriedigend ist das aber nicht, und nach der halben Spielzeit stellt sich dann allmählich Langeweile ein, die auch von der ausgedehnten Tanzeinlage kurz vor dem Finale nicht vertrieben wird.

TAKESHIS`ist kein Film, der sich mit wenigen Worten beschreiben lässt. Dafür ist er zu ungewöhnlich und intelligent. Wie Kitano die Figuren seines Films zeichnet, und somit sein eigenes Lebenswerk kommentiert, verdient Beachtung. Gerade deshalb kann dieser Film jedoch für das Normalpublikum nicht erfassbar und somit befriedigend zu sein. Wirkliche Freude werden somit nur verkopfte Kritiker und hysterische Verehrer haben. Jene Zuschauer, denen Arthaus schon zu Mainstream ist.

Für mich eine frustrierende Erfahrung.


TM, 01.12.2008