Zugegeben: Es dauerte einen guten Teil der circa 106 Minuten, bis ich verstanden hatte, was dieser Film eigentlich sein wollte. Die Grundidee – mehr war mir nicht mehr bekannt – ist originell und herrlich skurril, trotzdem muss man humoristisch schon leichte Beute sein, will man LARS AND THE REAL GIRL als Komödie bezeichnen. Für ein Drama hingegen wirkt er zu still, sanft und harmlos. Die erzählerischen Töne, die im Verlauf der eigenartigen Selbstheilung des psychisch lädierten Lars angeschlagen werden, rangieren durchweg auf einer sehr dezenten Skala. Bleibt somit nur die Tragikomödie als mögliche Option übrig, und damit liegt man wohl am Besten, denn charmant und rührend ist der Film durchaus.
Und dessen darf man sich als Zuschauer sehr glücklich schätzen, denn dass in einer Geschichte über einen schüchternen Einsiedler, der sich eine anatomisch korrekte Gummipuppe zur Freundin nimmt und diese wie einen Menschen behandelt, auf fortwährende Sexwitzchen und Erniedrigung des Protagonisten verzichtet wurde, ist beachtlich – wenn auch auf seine Weise vielleicht schon wieder realitätsfern. Statt dessen bekommt man eine einfühlsame Romanze in schrägem Rahmen geboten, die sich nicht scheut, Ehrlichkeit und Absurdität zu vermengen.

Ja, meine Freundin sucht die Pullover für mich aus.
Nach einer Weile wird deutlich, dass neben der Romanze vor allem Nächstenliebe das zentrale Thema ist, nur bleibt lange unsicher, was genau die Botschaft dabei sein soll. So drängt sich beispielsweise wiederholt der Eindruck auf, man solle mit Lars mitfühlen und sich über seinen Bruder Gus (Paul Schneider) echauffieren, der kein Verständnis für die Situation aufzubringen vermag. Genauso wird Karin, die schwangere Frau von Gus, mit ihrer offensiven Fürsorge zu Filmbeginn in einer Weise porträtiert, die man getrost als manisch bezeichnen kann.
Damit macht es sich der Film aber recht einfach. Bei allem Wohlwollen, das Lars seitens des Drehbuchs entgegen gebracht wird, kann man sich fragen, inwieweit hier einer putzigen Geschichte willen auf notwendige Kontraste verzichtet wurde. Gemessen an der Tatsache, dass Lars genauso gut eines Morgens mit einer Schrotflinte ins Büro kommen könnte, ist die verklärte Toleranz, die sämtliche Figuren an den Tag legen, etwas befremdlich. Dazu zählt abseits der eher nebensächlichen Dorfbewohner auch und vor allem die junge Margo (Kelli Garner), eine schüchterne Verehrerin von Lars.

Bruderneid im Wartezimmer zur Paar- und Sexberatung.
Obwohl die Elemente sowie deren Konstellation in vielen Punkten an Komödien im Stil von LANG LEBE NED DEVINE erinnern, macht die Dynamik der Handlung Vergleiche schwierig. LARS AND THE REAL GIRL setzt seine eigenen Akzente und wirkt deshalb auf seine Weise ungleich authentischer. Genau in diesem Aspekt, dieser Widersprüchlichkeit, liegt aber auch sein Charme.
Die großartigen Darsteller, allen voran Emily Mortimer als Karin, Patricia Clarkson als Ärztin Dagmar und Paul Schneider als Gus erledigen den Rest. Sie sorgen für emotionale Erdung und vollbringen das Kunststück, die einfach gehaltenen Figuren interessanter und glaubwürdiger erscheinen zu lassen, als sie den Dialogen zufolge sein dürften. Somit gehört LARS UND DIE FRAUEN zu der Sorte Film, die dank sympathischer Figuren und überzeugender Darsteller ein gutes Seherlebnis vermitteln, selbst wenn man von der Handlung nicht ergriffen wird.
Niveauvoll inszeniertes, herzerwärmendes Erzählkino für Freunde des Genres.
Feel-good-Kino für Arthaus-Publikum.
March 8th, 2009 at 7:12 pm
rein dem titel nach hätte ich mir diesen film niemals angesehen. aber er kam in der sneak und nachdem die ersten irrtierten 20 minuten vergangen waren, fand ich ihn dann doch eine der besten sneaks. etwas erschreckend fand ich, wie schnell man selbst die gummipuppe als reale person zu akzeptieren beginnt. ;)