Den mit 96 HOURS unnötig umtitelten TAKEN zu sehen, ist ein zwiespältiges Erlebnis. Der bodenständig inszenierte Thriller besticht neben der tadellos choreografierten Action und seinem erstaunlich glaubwürdigen Hauptdarsteller vor allem durch eine merkwürdige Widersprüchlichkeit, bedingt durch die Diskrepanz zwischen realitätsnahem Feeling und fahrlässig vereinfachter Erzählweise.
Liam Neeson spielt Bryan Mills, einen von Famke Jansen geschiedenen Regierungsagenten im Vorruhestand, dessen minderjährige Tochter zu Beginn einer Europareise in Paris von Mädchenhändlern entführt wird. Laut Statistik verbleiben ihm knapp 96 Stunden, bevor sie endgültig und unauffindbar verschwunden sein wird. Ausgerüstet mit ein paar kläglichen Hinweisen und seiner langjährigen Erfahrung beginnt Mills, den Verbrecherring im Alleingang auszuheben.
Das erledigt er nicht nur ohne jegliche Skrupel, sondern auch ohne peinliche Sprüche, wodurch jede Form von aufgesetzter Coolness elegant umschifft wird und der verzweifelte Ernst der Figur nicht zum Klischee verkommt. Dies ist vor allem Neesons Spiel zu verdanken, der als Charaktermime für einen Film dieser Art eine echte Bereicherung darstellt, im Gegensatz zu einigen der Nebendarstellern, vor allem Maggie Grace als naives Töchterlein.
Ähnlich rücksichtlos ist leider der Grundtenor in Sachen Setting. Europa wird als malerischer Moloch porträtiert, indem sich kriminelle Osteuropäer, korrupte Cops und pervertierte Oberschicht – jeweils der schlimmsten Art – die Klinke reichen. Die Welt diesseits des Ozeans trennt sich in Abartige und Opfer, und so gut es tut, einen Helden durch die Reihen ersterer mähen zu sehen, es bleibt ein fader Beigeschmack zurück. Dass mit Pierre Morel ein Franzose Regie führte und mit Luc Besson auch ein Franzose am Drehbuch beteiligt war, macht diesen Aspekt nur noch verwunderlicher.
Auch in anderen Punkten macht es sich das Drehbuch von Luc Besson & Robert Mark Kamen etwas arg leicht. Ob die Mädchen wirklich in der ersten Stunde vor Ort und bei hellem Tag eingesackt werden mussten, ist ebenso fraglich wie die Tatsache, dass Mills quasi ungehindert seinem Feldzug nachgehen kann. So löblich das Bestreben ist, schnell zur Sache zu kommen, unter ein bis zwei authentizitätsfördernden Atempausen hätte der Film nicht unbedingt gelitten, eher profitiert.
Zudem beweisen Besson & Kamen zwar großes Gespür für überzeugende Details, andererseits unterlaufen Ihnen auch immer wieder Fehler, welche die Absurdität des Geschehens deutlich machen. Ein kleines Beispiel bildet folgender Vergleich: In einer Szene legt Mills einem aus der Zwangsprostitution befreiten Mädchen auf seinem Hotelzimmer eine Infusion, um Sie ansprechbar zu bekommen. Als Halterung für den Infusionsbeutel verwendet er einen Kleiderbügel, den er mit ein paar gekonnten Handgriffen zurecht biegt. Besser kann man kaum »in der Szene« sein.
Wenig später jedoch stattet Mills einem ehemaligen »Kollegen« eine Stippvisite ab, um ihn unter Druck zu setzen, woraufhin dieser heimlich im Badezimmer seine Pistole aus einem Versteck unter der Spüle zieht. Dass ein erfahrener, nur noch am Schreibtisch tätiger Regierungsbeamter mit zwei kleinen Kindern in seiner Privatwohnung eine geladene Waffe offen und in Kinderreichweite platziert, glaube wer will.
Wenn man über solche Patzer hinweg sehen kann, bekommt man jedoch eine erstklassige, kompromisslose Tour de Force geboten, die richtig viel Spaß macht, und auf positive Weise an CASINO ROYALE und BOURNE IDENTITÄT erinnert.
96 HOURS ist definitiv ein guilty pleasure. Lange hat es nicht mehr so viel Genugtuung bereitet, abscheuliche Verbrechen brutal bestraft zu sehen. Wer sich von der Glorifizierung zweifelsfreier Selbstjustiz und dem idiotischen Weltbild nicht abschrecken lässt, wird ganz sicher bestens unterhalten.