Wenn Leonardo DiCaprio mit gehetztem Blick durch ein fremdes Land streift, kommt seltsamerweise immer der Moment, meist nach ungefähr der Hälfte der Spielzeit, an dem ich pausiere und kurz etwas anderes mache, zum Beispiel Kaffee kochen oder die Wäsche aufhängen. Das war bei BLOOD DIAMOND so, das war genau genommen schon bei THE BEACH so, und das war nun auch hier, bei dem im Original deutlich fescher betitelten BODY OF LIES, der Fall. Der wesentliche Unterschied zu BLOOD DIAMOND besteht darin, dass ich diesmal nach gut 15 Minuten weiter schaute.

Ob ich meine Entscheidungen bereue? Sehen Sie das Ding auf meiner Nase?
Zu verdanken ist dies den Darstellern. Russell Crowe als manipulativer, ununterbrochen telefonierender CIA-Stratege, diCaprio als überengagierter Undercover-Agent, vor allem aber auch Mark Strong als jordanischer Geheimdienstobermufti und sogar Golshifteh Farahani als Krankenschwester und obligatorischer Love-Interest legen gemeinsam eine Performance aufs staubige Set, die wirklich zu gefallen weiß.
Vom Plot kann man das – wie in der zweiten Hälfte leider deutlich wird – nicht behaupten. Die Einführung der Szenerie, der Figuren und der Hintergründe ist ansprechend und interessant geraten, vor allem aber auch brillant gefilmt. Umso verblüffender wirkt dann, wie gehetzt die eigentliche Handlung daherkommt, und worauf diese schlussendlich hinausläuft. Von Szene zu Szene wirkt das Geschehen unausgereifter, überhasteter und unbefriedigender, mit dem Ergebnis, dass der plötzliche Schluss nach immerhin über zwei Stunden Spielzeit den Zuschauer geradezu überrumpelt, und im Rückblick entsprechend plump wirkt.
Für einen 08/15-Thriller wäre das kein Anlass zur Kritik, doch neben den Darstellern war mit Ridley Scott ein weiterer Star im Regiestuhl platziert, und auch wenn Scott sicher einiges an Mittelmaß in seinem Portfolio hat, darf man doch ein wenig mehr von ihm erwarten als einen handwerklich sauberen, solide gespielten Thriller. Wenigstens aus dem Konfliktpotential zwischen Crowes und DiCaprios Charakteren hätte man mehr machen müssen, denn hier zeigt sich am deutlichsten, welches Potential zu echter Größe der Film gehabt hätte. Ob die Romanvorlage hier schon gravierende Fehler machte, kann ich nicht beurteilen, spielt letztlich aber auch keine Rolle.

Eines Tages, mein Sohn, wird all das Dir gehören.
Gemessen an dem, was in den letzten Wochen sonst auf DVD in den Verleih gekommen ist, stellt DER MANN DER NIEMALS LEBTE durchaus eine glückliche Wahl dar. Allzu viel sollte man aber nicht erwarten.
April 25th, 2009 at 11:44 am
Das Ende des Buches ist ähnlich überhastet, fast, als hätte der Autor dann nicht mehr genau gewusst, wie er es zu Ende bringen soll. Ich hab das Buch nach dem Film gelesen, und fand den Film tatsächlich besser.
April 25th, 2009 at 11:59 am
So ein Ende verkraftet man nach 2 Stunden auch sicher besser als nach 500 Seiten :)
April 26th, 2009 at 6:52 pm
So lang war das Buch gar nicht … ich glaub so knappe 300 Seiten.
April 26th, 2009 at 7:13 pm
Das hängt wohl letztlich von der Version ab, die man liest. Stimmt, die meisten sind lediglich 300-380 Seiten lang, aber es gibt schon auch eine broschierte Übersetzung von Rowohlt, die auf gut 480 Seiten kommt, laut Amazon.