Wer schon immer wissen wollte, wie man sich mit 60 fühlt, kann die Stützstrümpfe ausziehen und die Feldstudien im Seniorenheim einstellen. Mit MÜNCHEN gelingt es Steven Spielberg mühelos, den Zuschauer in knapp 3 Stunden um gefühlte 30-40 Jahre altern zu lassen. Blöd nur, dass man auch in der Illusion, Spielbergs Jahrgang zu sein, wenig Gefallen an diesem Betroffenheitsklumpen finden wird.

Bombenstimmung beim Brainstorming des Terrorkommandos Fieselschweif.
Vielleicht übersah Spielberg bei seiner Entscheidung für dieses Projekt, dass ein guter Teil der potentiellen Kinogänger seit der Veröffentlichung der Buchvorlage vor 25 Jahren, in jedem Fall aber seit den schockierenden Ereignissen 1972 ein gutes Stück abgestumpft ist, und von einer 37 Jahre alten Terrorgeschichte nicht gleich heulend und schlotternd in die Knie gezwungen wird. Wie man das 2005, nach Jahren omnipräsenter Terrordebatten, nicht bedenken konnte, will mir allerdings nicht in den Kopf.
Vielleicht nahm Spielberg auch an, dass selbst Zuschauer, die nicht zu der betroffenen Volksgruppe gehören, Israels Erschütterung, die Wut und Verzweiflung eines ganzen Volkes, mit fünf Minuten Rückblende als Einstimmung emotional nachvollziehen könnten. Wenn, würde das auch ein paar Probleme einiger anderer Regiearbeiten in seinem Portfolio erklären – seinem selbstgewählten Status als Moralapostel und Chronist historischer Tragödien aber gleichzeitig eine herbe Schramme versetzen.
Das Problem bei Spielbergs Filmen ist, dass man ihnen anmerkt, wenn Spielberg das jeweilige Thema sehr interessiert, er sich auf die ein oder andere Weise persönlich angesprochen oder gar betroffen fühlt. Ähnliche Aussetzer durfte man schon bei der Gedenk-Prozession am Ende von SCHINDLERS LISTE und der grotesk patriostischen Friedhofsszene in SAVING PRIVATE RYAN erleben.

Da schau, glaach geht d'Bombn hoch! Dann hast'n Dreck im Schachterl.
Handwerklich ist der Film annehmbar, wenn auch nicht überwältigend. Erzählerisch kann man ihn trotz der illustren Darstellerriege nur als bemüht bezeichnen. Die Aneinanderreihung von Attentaten mag für Spionagefilmfans noch ansatzweise interessant sein, versucht aber letztlich durch Masse zu kompensieren, was es der Geschichte an Qualität und Intensität mangelt. Dass die cineastische Tropffolter beim Zuschauer früher oder später Wirkung zeigt, soll nicht bestritten werden, ist aber auch kein Zeichen von niveauvoller Erzähltechnik. Mit fortschreitender Spielzeit geht der Film somit zusehends unter seinem eigenen Gewicht in die Knie.
Schon die Einführung der Hauptfigur lässt Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit vermissen. Die Motivation des Protagonisten wird nicht klar genug herausgearbeitet, um die folgenden zwei Stunden plausibel zu gestalten. Ansätze sind zwar vorhanden, bleiben aber unpräzise und werden nicht ausgeführt. Auch der allmähliche psychische Verfall des ganzen Teams hätte wahrscheinlich in komprimierterer Form wesentlich effektiver vermittelt werden können. Die eingeschobenen Rückblenden in die Nacht des titelgebenden Attentats sollen dem Zuschauer das Trauma immer wieder vors Auge rufen, wirken jedoch aufgesetzt und überflüssig und schaden somit dem Film mehr, als dass sie den gewünschten Effekt erreichen.

Du willst also Agent werden? Dann mach als Erstes mal diese Soldaten platt.
Zu guter Letzt wird das tapfere Publikum auch noch mit einem Ende »belohnt«, dass dermaßen zäh und unbefriedigend geriet, dass man sich endgültig fragen muss, ob Spielbergs Gage bei diesem Film auf Basis der Laufzeit kalkuliert wurde, oder ob er einfach nicht weiß, wann es genug ist. Somit verpufft die ohnehin sehr eindimensionale Botschaft des Films in bloßer Bedeutungslosigkeit. Was in Erinnerung bleibt, sind gute Bilder, kaum Gefühle.
MÜNCHEN ist peinliches Moralkino, dass als Mischung aus Thriller und Drama getarnt über 2 Stunden lang grob an den emotionalen Fäden der Zuschauer zieht, ohne dabei über das Niveau jener Romane hinauszukommen, die man nach 12 Monaten auf den Wühltischen der Supermärkte wiederfindet. Und da gehört diese DVD ebenfalls hin.
Bis auf wenige Passagen verschwendete Zeit, Oscarnominierungen hin oder her.