Ein wenig ungerecht ist es schon. Gemessen an dem, was man üblicherweise vorgesetzt bekommt, dürfte man an einem schönen Film wie diesem kein einziges Detail bemängeln. Im Gegenteil, still müsste man schweigen, dankbar wie ein Kind, dem statt dem Telefonbuch endlich mal wieder ein Märchen vorgelesen wird. Eine Geschichte, die mehr enthält als ein paar bekannte Namen. Doch Kinder sind nur in Vergleichen so, die Realität sieht anders aus. Und wenn es eine Gruppe gibt, die mindestens ebenso undankbar ist, dann sind es die Filmfans. Und als solcher findet man durchaus etwas zu meckern.
Das Drehbuch zu der Verfilmung der Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald stammt von Eric Roth, der sich auch für FORREST GUMP verantwortlich zeichnet. Die Parallelen sind kaum zu übersehen, selbst wenn man sich dieses Details nicht bewußt ist. Es wundert entsprechend wenig, dass sich Roth von der Geschichte angesprochen fühlte.
Erstaunlich ist eher der Name auf dem Regiestuhl. David Fincher könnte, basierend auf seinem bisherigen Werk, eher als Zyniker, zumindest als Realist, betrachtet werden. Von keinem der beiden Lebenseinstellungen findet sich in diesem Film mehr als eine vage Spur. Aus diesem Grund gibt es einige Punkte, die jene verwirren werden, die zufällig nicht gleich von der unbestreitbaren Magie des Films vereinnahmt werden.
Punkt 1: Benjamin Button, das Über-Ich. Gab es seit Ghandi einen (Film-)helden, der so vollständig frei von negativen Charaktereigenschaften war? Kein Neid, keine Missgunst, keine Wut – nicht einmal die Trauer wirkt besonders intensiv. FORREST GUMP hatte mehr Schattenseiten und eine differenziertere Persönlichkeit als BENJAMIN BUTTON, der in den gut 3 Stunden stets nur die gute, moralisch richtige Entscheidung trifft. Ach Moment, er hat ja eine Affäre. Aber die zählt ja nicht, schließlich ist die Liebe der betroffenen Liebe längst erkaltet, nicht wahr?
Punkt 2: Besonders kreativ oder anrührend wirken weder die Liebesgeschichte noch die Widrigkeiten, mit denen das Leben des Protagonisten randvoll gefüllt ist. Besonders bezüglich der Romanze denkt man mit Rührung und Sehnsucht an BIG FISH zurück, der bei einem mindestens gleichwertigen Absurditätsfaktor doch menschlich anrührender und bewegender war als es BENJAMIN BUTTON in seinen besten Momenten ist. Das Anschlagen der stillen Töne passt zweifellos gut zur Geschichte, für 3 Stunden hätte ich mir dennoch ein wenig mehr emotionaler Resonanz gewünscht.
Punkt 3: Was genau trägt der Hurrikan zur Rahmenhandlung bei? Soll eine Atmosphäre des Umbruchs, des Chaos und der Unsicherheit geschaffen werden? Oder soll lediglich darüber hinweg getäuscht werden, dass die Krankenhaus-Handlung zwar für die Struktur und einige Details unterlässlich sein mag, ansonsten jedoch erstaunlich belanglos und unkreativ geriet? Sicher sind die Rollen undankbar, da sie nur lästige Unterbrechungen in der Geschichte der Hauptfigur darstellen. Doch wenn man diesse Sequenzen schon für nötig hielt, hätte man Mutter und Tochter ein wenig mehr Profil gönnen können.
Dies gesagt, ist der Moment gekommen, das Ruder herum zu reißen. Alles, was bisher nicht erwähnt wurde, ist dafür sehr gelungen. Die Musik ist angenehm aber nicht aufdringlich, die Bilder malerisch bis atemberaubend, die schauspielerische Leistung immens und die Regie sehr bedacht und zielorientiert. All das verblasst aber fast gegenüber der Maske und den Effekten. Es ist beeindruckend, was hier geleistet wurde, und es bereitet große Freude, von Handlungsjahr zu Handlungsjahr etwas mehr von Brad Pitt in der Figur des Benjamin Button zu erkennen.
Damit ist DER SELTSAME FALL DES BENJAMIN BUTTON nicht nur ein Film mit enervierend langem Titel und ebenso langer Spielzeit, sondern ein berührendes und bewegendes Märchen, dass den sprüden Alltag ein wenig in wohliges Spepia rückt und dabei trotz allem Kitsch die Bodenhaftung nicht komplett verliert.
Ein süßer Film, der in seiner Einfachheit und Geradlinigkeit ein wenig flach geriet, sein Geld aber doppelt so wert ist wie der Großteil der Konkurrenz dieses Jahr.

