Dass sich ein Film für intelligenter hält, als er in Wirklichkeit ist, kommt nicht selten vor. Besonders im Hinblick auf die überraschenden Enden, ohne die kein Thriller mehr auskommen darf, hat man seit SIEBEN viel ertragen dürfen. Dass ein Film dabei klar über das Ziel hinaus schiesst, ist schon seltener. KURZER PROZESS ist leider ein solcher Fall, denn während sich das Drehbuch für gewieft hält, ist das Ergebnis doch lediglich irritierend.
Wahrscheinlich liegt das Problem darin begründet, dass Drehbuchautor Russell Gewirtz sein Pferd von hinten aufgezäumt hat. In dem Bestreben, die eigentlich einfache Geschichte über einen dichtenden Selbstjustiz-Serienmörder mit einem schönen Twist abschliessen zu können, legt er eine falsche Fährte durch den kompletten Film, die so überdeutlich ist, dass man die komplette Laufzeit über unter einem fortwährenden Verfremdungseffekt leidet. Dieser konzeptionelle Fehler ist für den Zuschauer nämlich zunächst nicht als solcher erkennbar, was sich deutlich auf die Spannung niederschlägt, die dem Film über weite Strecken hinweg vollständig abgeht.
Ein talentierter Regisseur auf dem Zenit seiner Fähigkeiten hätte hier vielleicht entgegen wirken können. Das Problem liegt zwar nahe an der Wirbelsäule der Geschichte, wäre aber mit dem Verzicht auf ein paar erzähltechnische Elemente sowie einer mittelgroßen Umstrukturierung durchaus zu bewältigen gewesen. Regisseur Jon Avnet hat mit 88 MINUTEN zwar halbwegs solides Kino geschaffen, aus den letzten 10 Jahren aber sonst keine nennenswerte Referenzen vorzuweisen, und war somit der Herausforderung, die Schwächen des Drehbuchs zu kaschieren, definitiv nicht gewachsen.
Auch die Hauptdarsteller Al Pacino und Robert de Niro, die noch den besten Grund darstellen, sich den Film anzusehen, hatten anscheinend Probleme mit dem Plot oder ihren Figuren, denn die Vorstellung, die sie abliefern, wäre selbst bei weniger renommierten Mimen nur als Mittelmaß zu bezeichnen gewesen. Als Zuschauer muss man sich angesichts einer solchen Darbietung allmählich eingestehen, dass ihr nahender Ruhestand kein großer Verlust mehr für die Menschheit wäre.
KURZER PROZESS ist verbissen konstruiert, verwirrend erzählt und wird bestenfalls eingefleischte Cop-Thriller-Fans zufrieden stellen, die trotz der zahlreichen, kaum besseren Alternativen der letzten Jahre noch nicht genug vom Genre haben. Auch Fans der Hauptdarsteller oder des Rappers 50Cent, der eine nervtötende Nebenrolle einnimmt, sollten aller Mängel zum Trotz auf ihre Kosten kommen.
Für den Rest wird das nächste Knöllchen aufregender sein.

