Public Enemies.

pe01Kino, Sommer und Substanz, dieses Trio erlebt man ungefähr so häufig gemeinsam in Aktion wie die heilige Dreifaltigkeit. Dieses Jahr bildete bislang keine Ausnahme, und mit aktuellen Blockbuster-Kanidaten wie G.I. JOE oder G-Force scheint es in diesem Stil noch eine Weile weiter zu gehen. Trotzdem, und ungeachtet recht geringer Erwartungen bedingt durch mäßige Rezensionen, durfte man darauf hoffen, mit PUBLIC ENEMIES wenn schon keine positive Überraschung, dann doch wenigstens einen soliden Gangsterfilm geboten zu bekommen. Mit Johnny Depp und Christian Bale in den Hauptrollen war eine Performance zu erwarten, die über dem Niveau der Konkurrenz lag.

Damals waren die Schwarzfahrer ja noch deutlich aggressiver.

Damals waren Schwarzfahrer noch deutlich aggressiver.

Die bekommt man auch. Beide Darsteller verleihen ihren Rollen eine spröde Kälte und Kantigkeit, die nie überzogen genug wirkt, um die gefühlte Authentizität in Frage zu stellen. Besonders bei Depp fällt auf, wie schön es ist, ihn mal wieder in einer Rolle zu sehen, in der er nicht den burtonesquen Freak spielt (ja, hier zähle ich PIRATES dazu). Auch Drehbuch und Regie verdienen Lob, denn schon in der Eröffnung wird deutlich, dass auf unnötiges Geplapper und hollywood-typische Einzeiler weitgehend verzichtet wird. Dafür verharrt die Kamera an den richtigen Stellen gerne ein bis zwei Sekunden länger, und dieser »Mut zum Schweigen« macht sich stellenweise spürbar bezahlt.

Das war es dann aber leider auch schon mit dem Lob. Die Verschmelzung von Biopic und Gangsterdrama, von präzisem Epochenportrait (in Ausstattung) und realistischem Actionfilm funktioniert nicht halb so gut, wie man erwarten mochte. Streng genommen passiert kaum mehr als in jenen eingangs erwähnten Spektakeln, nur das hier Schusswechsel den CGI-Bombast ersetzen. Die Charaktere vermögen beim Zuschauer kaum Sympathie oder Interesse für sich wecken, ihre Motivationen und Emotionen bleiben dem Betrachter weitgehend verschlossen. Diese trockene Entschlossenheit und Härte mag realistisch sein, schafft es aber nicht, eine eigene Dynamik zu entwickeln, und lässt den Film somit zu einer bloßen Aneinanderreihung von Schusswechseln verkommen, der keinen Einblick in die Figuren erlaubt. In Dillingers Romanze rächt sich dann zu allem Überfluss auch noch die erwähnte Kälte, denn diese wirkt dermaßen unecht und emotionslos, dass bis auf die Schlussszene jegliche Glaubwürdigkeit verloren geht. Ironischerweise fühlt sich diese geschrieben an.

Nur einer von drei Männern hat Montags keinen Bad-Hair-Day.

Neue Studie: Nur einer von drei Männern hat Montags keinen Bad-Hair-Day.

Der Vorwurf, der am bittersten schmerzen sollte, ist jedoch, dass der Film erzählerisch versagt. Man darf davon ausgehen, dass nur ein Teil vor Filmbesuch weiß, wie die Geschichte enden wird. Davon profitiert der Film sogar, denn das Wissen nimmt dem Geschehen Spannung. Doch schuldet er seinem Publikum – den Eingeweihten wie den Unbedarften – auch eine Handlung, die den Gesetzmäßigkeiten guten Erzählens folgt und sich auf das konzentriert, was für die Geschichte wesentlich ist. Das bedeutet zum Beispiel, dass man auch historisch belegte Figuren und Zusammenhänge mit angemessener Bedeutung behandeln sollte. Figuren wie J. Edgar Hoover sind zweifellos von historischer Relevanz, wären in einem normalen Drehbuch aber gestrichen oder auf einen Minimalauftritt reduziert worden. Hier aber, wo schon die Protagonisten kaum bis keinen Hintergrund erhalten, wirkt es geradezu verschwenderisch, wie viel Leinwandzeit eine Figuren erhält, die für das unmittelbare Geschehen kaum eine Rolle spielt. Ähnliches gilt für Figuren wie der ewigen Karikatur Babyface Nelson, dem genauso viel Bedeutung beigemessen wird wie einem anderen Komplizen Dillingers, dessen Sterbeszene später berühren soll.

Würde der Film bei seinen Protagonisten nicht versagen, fände dieser Aspekt hier nicht Erwähnung, bei 140 Minuten Laufzeit allerdings darf man sich fragen, wo genau die Prioritäten lagen, denn das Einzige, das nicht zu kurz kommt, ist die Ballerei. Es drängt sich der Gedanke auf, dass diese deshalb so viel Stellenwert erhalten, weil man hier freier agieren und eigene Ideen wagen konnte, wovor man bei der eigentlichen Geschichte wohl zu große Hemmungen hatte. Siehe hierzu auch die sehr treffende (und meiner in Prägnanz um Welten überlegene Kritik auf Moviegod.de)

PUBLIC ENEMIES kann durch seine ungewöhnliche Erzählweise und die daraus entstehende Atmosphäre vielleicht unter Kritikern und Jugendlichen Freunde finden (wenn auch aus verschiedenen Gründen). Als Gangsterdrama bleibt es aber ein mittelmäßiger und demnach selbst für Genrefans entbehrlicher Beitrag, der angesichts von Genregrößen wie MILLERS CROSSING oder DIE UNBESTECHLICHEN den Kürzeren zieht. Wer sich für Handeln, Denken und Leben berühmter krimineller Subjekte interessiert, ist mit anderen Filmen und diversen französischen Autoren besser bedient.

Handwerklich sehr sauber, aber langweilig.


 

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