Deliver us from evil.

Deliver us from evilLars (Jens Andersen) ist Lastwagenfahrer und voller Hass. Seine Wut und seine Frustration ventiliert er mit Hilfe von Gewalt, Alkohol und Rassismus, zum Beispiel gegenüber dem Bosnier Alain, der in dem kleinen, dänischen Dorf, in dem auch Lars lebt, das Trauma des Verlust seiner Familie zu verschmerzen versucht.

Johannes (Lasse Rimmer) ist Anwalt und Lars Bruder. Er hat kürzlich das Familienanwesen in seinem Heimatdorf bezogen, um seiner Frau Pernille und seinen Kindern die Idylle zu bieten, die er selbst in seiner Jugend so liebte. Mit seinem Bruder spricht er nicht mehr, dafür freundet er sich mit Alain an, der ihm dabei hilft, den umfangreichen Garten auf Vordermann zu bringen.

Als Lars eines morgens die Frau des ehemaligen Bürgermeisters und Bürgerwehrleiters anfährt, schiebt er den Unfall mit einer gekonnten Intrige Alain in die Schuhe. Als die Leiche gefunden und das laufende Volksfest unterbrochen wird, steht für die alkoholisierte, aufgebrachte Menge schnell der Schuldige fest.

Da die Situation bereits im Bierzelt außer Kontrolle gerät, jedoch kein Ordnungshüter in der Nähe ist, schafft Johannes Alain kurzerhand in seine Wohnung. Der Akt der Vernunft und Nächstenliebe hat tragische Konsequenzen. Die Meute folgt dem Anwalt bis zu seinem Haus.

Kurz darauf fallen die ersten Schüsse.
Deliver us from evil.

DELIVER US FROM EVIL ist ein unfassbar grausamer Film, obwohl sich die physische Gewalt in Grenzen hält und deren Eskalation lange herausgezögert wird. Der Albtraum aus blindem Hass und trunkener Gewalt steht am Ende der Geschichte, nicht in deren Zentrum. Einen voyeuristischen Umgang mit Brutalität kann man Regisseur und Drehbuchautor Ole Bornedal deshalb nicht vorwerfen, denn das Gezeigte beschränkt sich weitgehend auf das Notwendige und Handlungsrelevante.

Die Grausamkeit gilt vielmehr dem Zuschauer, der fassungslos und mit zunehmendem Unbehagen dabei zusieht, wie die Situation entgleist, langsam und unaufhaltsam, wie ein Wagen, der in Zeitlupe auf einen Fußgänger zurast. Die Abscheu gegenüber Rassismus, Alkoholmissbrauch und Gewaltbereitschaft, die in dem kleinen Kessel der Dorfgemeinschaft hochkochen, schlägt beizeiten geradezu in körperlich empfundenen Ekel um. Da hilft es kaum mehr, sich daran zu erinnern, dass selbst hinter den verabscheuungswürdigsten Figuren nur Schauspieler stecken.

Eine solche Leistung seitens Drehbuch, Darstellern und Regie erlebt man nicht alle Tage, und auch wenn es einem schwer fällt, dafür Dankbarkeit zu fühlen, muss man doch anerkennen, dass auch den »Guten« Makel und den »Bösen« eine Verletzlichkeit gegeben wird, die nichts entschuldigt und nur wenig erklärt, dafür aber auch den ansonsten legitimen Vorwurf unterminiert, dass die Welt dieses Dramas allein in Schwarz und Weiß gehalten wurde. Einiges wird vereinfacht, aber niemandem etwas einfach gemacht. Das Geschehen gipfelt schließlich in absolutem Grauen, gefolgt von einem Schlusswort, einem letzten, finalen Schlag in die Magengrube des Zuschauers, die Konventionen des Erzählkinos und Erwartungshaltungen des Punlikums vorsätzlich ignoriert.

DELIVER US FROM EVIL ist nicht frei von Schwächen. Manche der Nebendarsteller vermögen nicht zu überzeugen bzw. spielen übertrieben, und handlungsrelevante Aspekte wie die Naivität der Dorfpolizei und die geistige und sprachliche Eingeschränktheit von Alain sind nicht unbedingt unglaubwürdig, aber sehr bequem. Auch mit der Erzähltechnik, insbesondere bemerkbar an dem eröffnenden voice-over, macht es sich Bornedal sehr einfach. Hier sollte man den Film deshalb eher mit den Maßstäben eines Theaterstücks bewerten.

An den vorherigen Absätzen wurde sicher deutlich: Empfehlen kann man DELIVER US FROM EVIL niemandem. Der Film ist deprimierend, aufwühlend, zermürbend. Aber er erinnert auch daran, was Film sein kann, was Film immer wieder sein und bleiben sollte: Ein Erzählmedium, dass durch seine Unmittelbarkeit und seine technischen Möglichkeiten eine unerreichbare Eindringlichkeit und Wirklichkeitsnähe erreichen und somit Geschichten erzählen kann, die über die Laufzeit hinaus im System hängen bleiben und so hoffentlich, und sei es nur im tiefsten Unterbewusstsein, einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, eine Warnung vor dem, was der Mensch sein kann, wenn er nichts mehr hat, das er liebt, außer sich selbst und seinen Schwächen.


TM, 05.09.2009