Eine britische Strafkolonie am Ende der Welt, dem hintersten Winkel Australiens, im Jahre 1882. Hier gibt es keine Zäune, keine Gitter, keine Wände. Flucht ist möglich, aber sinnlos, denn die umliegenden, tiefen Wälder ersticken jeden Gedanken an ein Entkommen im Keim. Das gespenstisches Rauschen der Zweige, das Plätschern der eisigen Bäche und die gezackten Buckel der Berge, auf denen sich die Stämme endlos drängen, lässt Männer verstummen und Hoffnungen erstarren.
Und dennoch: Acht begehren auf. Acht Sträflinge überwältigen eines tristen Morgens beim Baumfällen ihren Aufseher und flüchten, zufällig von weiteren Wachen entdeckt, in kopfloser Hast in den Urwald. Abseits der geplanten Route, ohne Verpflegung, schützende Kleidung und Fauna, die es zu jagen lohnt, wird den Mannen bald bewusst, welches Schicksal ihnen blüht. Und dass, damit auch nur einer die nächste Siedlung erreichen kann, Opfer erbracht werden müssen.
Erbracht – oder erzwungen.
Der erste Trailer zu VAN DIEMEN’S LAND war 45 Sekunden Filmkunst in Vollendung, und darf sich gleichzeitig auf die Fahnen schreiben, zu der illustren Liga von Werbetrailern zu gehören, die tatsächlich den Charakter und die Stimmung des vollständigen Werkes vermitteln, ohne dabei gleich dessen gesamtes Pulver zu verschießen. Ebenso unaufgeregt gestaltet sich der Hintergrund dieses beachtlichen Erstlingswerks von Regisseur und Drehbuch Co-Autor Jonathan Auf Der Heide, das nebenbei bemerkt die »wahre Geschichte« von Alexander Pearce, dem wohl berüchtigttesten Verbrecher Australiens erzählt, woraus der Film keinen Aufstand macht, weshalb es auch in dieser Kritik bei der bloßen Erwähnung dieser Tatsache bleiben soll. Gleiches gilt für die interessante Fußnote, dass der Film auf einem 21-minütigem Kurzfilm mit dem Titel »Hell’s Gate« basiert, für den sich ebenfalls Auf Der Heide verantwortlich zeichnet. Die Vorarbeit am prämierten Prototyp, wenn es denn einer war, hat sich bezahlt gemacht: VAN DIEMENS LAND ist Arthaus-Horror in Reinkultur.
I’ve looked up at God looking down. He dances with an axe in his hand.
Im Wesentlichen hat man es mit einer Mischung aus AGUIRRE, DER ZORN GOTTES mit Klaus Kinski und DEAD MAN mit Johnny Depp zu tun, wobei sich die Ähnlichkeiten zu gleichen Teilen auf beide Vorgänger aufteilen lassen. Auch in VAN DIEMENS LAND ist die Natur der eigentliche Hauptdarsteller und die Atmosphäre, die heraufbeschworen wird, die eigentliche Handlung. Beiden Filmen wohnt eine fiebrige Poesie inne, und beide zeigen die Reise von Todgeweihten in ein Nirgendwo jenseits von Raum- und Zeitgefühl in kompromissloser Eindringlichkeit. An Stelle von Dialogen, die auf das absolute, noch realistische Mindestmaß reduziert wurden, tritt omnipräsent das musikalische Thema. Die wenigen gesprochenen, zunächst furchtbar banal klingenden Gespräche stechen so scharf aus dem Schweigen hervor wie die Gewalt, die in ihrer unkalkulierten, wahllosen Grausamkeit unendlich beklemmender wirkt. Ähnliches gilt für das Voice-Over, dass dezent und kalkuliert genug eingesetzt wird, um nicht zu nerven, und durch die Verwendung der gälischen Sprache die Fremdartigkeit von Ort und Zeit hervorragend transportiert. Dem Zuschauer bleibt nicht anderes übrig, als sich auf die wortkarge Geduldsprobe einzulassen und die Protagonisten bei ihrem stoischen Abstieg ins Herz der Finsternis zu begleiten.
Anstelle einer Bewertung, der sich VAN DIEMENS LAND unter gewissen Gesichtspunkten entzieht, sollte bisherige Beschreibung ausreichender Anhaltspunkt dafür sein, ob man sich zu dem voraussichtlich kleinen Kreis zählen kann, der den Film in sein Herz schließen wird. Man kann ihn unbestritten öde finden, handlungsarm, ja sogar banal.
Wer sich von der Atmosphäre jedoch packen lässt, den erwartet eindrucksvolles, bildgewaltiges Stimmungskino allererster Güte, ein abgründiger, hypnotisch komponierter Überlebenskampf mit bitterer Schlussnote.
Kinostart im Herkunftsland ist Ende September.
Wir können wahrscheinlich nur auf eine DVD hoffen.
