Eine abgelegene Radiostation, an einem kalten, von heftigem Schneetreiben verdunkelten Morgen. Der in die Jahre gekommene, durch seinen provokanten Stil unbequem gewordene Radiomoderator Grant Mazzy beginnt seine Sendung mit der üblichen, öden Verlesung lokaler Nachrichten, als ein live zugeschalteter Verkehrsreporters beunruhigende Beobachtungen übermittelt. Eine Menge aufgebrachter Menschen scheint sich versammelt zu haben und die Gegend zu durchstreifen, zudem ist von seltsamen Anfällen die Rede, von sich ununterbrochen wiederholenden Rufen und gewalttätigen Ausschreitungen. Angeblich sollen sogar Militär und Polizei bereits auf der Bildfläche erschienen sein. Während das kleine Team um Grant noch versucht, die Berichte zu verifizieren, verschärft sich die Lage dramatisch. Bald wird deutlich, dass man zwar von der Außenwelt abgeschnitten ist, nicht aber von dem, was den eigenartigen Infekt überträgt: Sprache.
Eine der goldenen Regeln beim Drehbuchschreiben, und in direkter Folge auch bei der Regieführung, lautet: “Show, don’t tell”. Eine weniger prägnante, trotzdem ebenso häufig korrekte Regel bei Horrorfilmen lautet: “Most times, it’s scarier what you DON’T see.” PONTYPOOL bricht – auch budgetbedingt – eklatant mit der ersten und setzt fast ausschließlich auf die zweite. Das macht ihn schwierig, aber auch höchst interessant.
Die Frage, die über allem steht, ist natürlich, ob das Experiment funktioniert. Schließlich geht es hier weniger um die »things hidden in the dark«, wie man sie in Vollendung bei THE DESCENT sehen kann*, sondern um eine Geschichte, die nicht ohne Grund zuerst als Buch und dann als Hörspiel erzählt wurde. Immerhin, das soll als Erklärung erwähnt werden, geht es um ein 3-Personen-Team, das sich 95% der Spielzeit in ein und dem selben Keller aufhält. Solch eine Prämisse verlangt in erster Instanz Höchstleistung von Kamera, Darstellern und Skript, und in zweiter ein gehöriges Maß an Bereitschaft seitens des Zuschauers, sich auf ein derartiges Kammerspiel einzulassen.
Und tatsächlich: Es klappt. Stephen McHattie fesselt mit seiner Mimik und Ausstrahlung (und nicht zuletzt seiner Stimme) vom ersten Moment an, die Kamera leistet sehr solide Arbeit und die sauber strukturierte Entwicklung der Handlung stupst die Spannung auf gleichbleibend hohem Level bis zum etwas hektischen Finale. Dabei krallt man sich vor Grauen nicht in die Sessellehne, doch das Unbehagen hält sich dank kontinuierlicher Enthüllungen auf der einen und dem bleibenden Ungewissen auf der anderen Seite stets auf ansehnlichem Niveau.
Natürlich ist nicht alles positiv. Die von der Buchvorlage »Pontypool changes everything« komprimierte Handlung lässt kaum Platz für Charakterentwicklung und -zeichnung, was sich an einigen Stellen und besonders am Ende bemerkbar macht. Hinzu kommt eine letzte Überraschung, die aufgrund des hohen Tempos kaum mehr verarbeitet werden kann, gefolgt von einer Art Epilog, der nur noch als surreal bezeichnet werden kann. Somit entlässt PONTYPOOL sein Publikum nach gut 90 Minuten etwas verwirrt und unschlüssig zurück in die Wirklichkeit – ein Gefühl, das nicht jeder zu schätzen weiß.
Ein gesundes Maß an Faszination für die Grundidee »Sprache als Virus« vorausgesetzt, kann PONTYPOOL als intelligenter Horror punkten, der sich am Rande Elementen der beliebten Zombie-Szenarien bedient, letztlich aber gänzlich andere Themen und Ängste anschneidet, als man in besagtem Genre sonst geboten bekommt. Als gewagte Mischung aus minimalistischem Seuchen-Thriller und ASSAULT ON PRECINCT 13 kitzelt er vortrefflich die Nerven und beweist, dass es noch intelligent erzählten Horror gibt, der Blut und Ekel nicht zum Selbstzweck erhebt.
Eine erfrischende Abwechslung in einem von herben Ermüdungserscheinungen gezeichneten Genre – das ist derzeit eine Menge wert.
*Eine spätere bzw. teilweise »Enthüllung« des Grauens wird vom Publikum erwartet und stellt somit nicht unbedingt einen Bruch der Regel dar.