Downloading Nancy.

Nancy (Maria Bello) ist todunglücklich. Ihrer Ehe fehlt jegliche Wärme, Liebe und Leidenschaft. Auch Respekt und Höflichkeit leiden unter der eisigen Atmosphäre, machen ihr das von einem schlimmen Kindheitstrauma überschattete Dasein zur Hölle. Lediglich ihre Internet-Bekanntschaften verschaffen ihr Momente der Freude. Kein Wunder, dass ihr im Hobbykeller Golf spielender Gatte (Rufus Sewell) erst von Nancys Vorhaben erfährt, als es bereits zu spät ist. Nancy hat ihn verlassen, um ihr Leben zu beenden – mit Hilfe eines Online-Bekannten, der ein paar Tage nach ihrem Verschwinden unvermittelt vor der Türe steht.

Manche lasen das Drehbuch freiwillig zu Ende, andere musste man überzeugen.

Zum Plot gibt es wenig zu sagen. Was sich in der Zusammenfassung krude liest, entwickelt in Ausführung eine schleichende, beklemmende Glaubwürdigkeit. Mit demselben Wort kann man den kompletten Film zu versehen.

DOWNLOADING NANCY ist beklemmend, insbesondere weil und wenn er die Tragik nicht künstlich hochspielt. Die unterkühlte Welt des emotionalen Winters, in welchem Nancy vor sich hinvegetiert, reflektiert sich in Wetter, Farbgebung und einer schmerzhaften Tristesse. Auch die Jämmerlichkeit, die ihre – und suggeriert unser aller – Realität prägt, wird fortwährend betont. Am deutlichsten zeigt sich das immer dort, wo mehrere Menschen zugegen sind. Die Firmenfeier, der Hobbykeller, das Restaurant, der Baumarkt – alle wirken verlassen, die anwesenden Personen distanziert, stumm und peinlich voneinander berührt.

Die Konsequenz, mit der diese Stimmung beibehalten wird, macht die inne Leere der Protagonistin bin zu einem gewissen Grad für den Zuschauer nachvollziehbar. Sie raubt dem Film aber auch erkennbare Höhen und Tiefen, weshalb dem Nachempfinden wenig Mitgefühl folgt. Da niemand glücklich scheint, kann man kaum umhin sich zu fragen, was Nancy von anderen unterscheidet, außer dass sie Gelegenheit erhält, von ihrem Traumata zu berichten. Der sexuelle Kontext, der in expliziten Bildern dargestellt wird, verstärkt das Unbehagen, beweist aber die Reife, keine Grenzen zu überschreiten, die der Ernsthaftigkeit des Themas eher abträglich wären.

Dem Effekt und Subtilität des Films abträglich sind die kurzen Szenen, in denen Nancys erfolglose Therapiesitzungen erzählt werden. Diese wirken aufgesetzt und lassen den gefühlten Tiefgang vermissen, den man vielen anderen so deutlich anmerkt. Da sich diese Momente in Grenzen halten, bleiben sie Stolpersteine.

Ja, in Baumärkten fühle ich mich nach circa 10 Minuten ähnlich...

Maria Bello und Rufus Sewell beweisen in Ihren Rollen Mut, Einfühlungsvermögen und schauspielerische Klasse. Erfahren in schwierigen Rollen demontieren sich die beiden Sympathieträger mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich von mehr Dramendarstellern wünscht. Kamera, Licht und Ton rangieren eher auf dem Niveau eines Arthaus-Films, versuchen durch dokumentarisch geprägten Stil also die Glaubwürdigkeit zu erhöhen, machen dabei aber keine schlimmen Fehler.

Keine Wahrheit, keine Erlösung, keine Erkenntnis. DOWNLOADING NANCY lässt den Zuschauer mit dem Gefühl zurück, dass trotz allem etwas fehlt. Ein letzter Baustein, der verstehen macht, wann und auf welche Weise der Entschluss gefallen sein mag, der Nancy an ihr Ende bringt. Damit erreicht der Film genau das Ziel, das er sich (hoffentlich) auf die Fahnen geschrieben hatte. Denn wie man auch eine Geschichte wie diese auflöst – »zufriedenstellend« kann sie einfach nicht enden.


TM, 09.01.2010