Mit dem Stichwort »morbide Filmästhetik« assoziiert die breite Masse zweifelsfrei Weirdmeister Tim Burton. Ein weiterer Name, wenn auch mit geringerem Bekanntheitsgrad und einem für die Filmindustrie eher ungesunden Verhältnis zwischen Schaffenszeit und Projektanzahl, ist Henry Selick. Mit seinem unvergessenen NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS hatte er 1993 einen nachhaltigen Beitrag zur Animationsfilmgeschichte geschaffen, danach aber nicht mehr an dessen Erfolg anknüpfen können. CORALINE, sein neuestes Werk, ist ein Animationsfilm eben dieser Art, der statt gerenderter Figuren samt makelloser Anatomie und glatten Kurven die krude Stofflichkeit und den schrägen Charme eines Puppenspiels bevorzugt.
Aufgrund seines düsteren Stils, seiner eher ruhigen Inszenierung und einiger erstaunlich gruseliger Szenen ist CORALINE, wie es die Handlung zunächst vermuten lässt, kein lupenreiner Kinderfilm. Dieser Punkt ist das einzige, echte Problem des Films, da der Spagat zwischen kindkompatibler Märchenhandlung und erzählerischer wie stilistischer Ambitionen nicht immer aufgeht. Selbst die humorigen Figuren wirken stellenweise unheimlich, die Grundstimmung ist trotz vieler, putziger Momente meist trist, in den Parallelwelt-Szenen subtil bedrohlich. Angesichts der Tatsache, dass es sich um die Adaption einer Neil Gaiman Geschichte handelt, wenig verwunderlich, dennoch bemerkenswert.
Eben diese Stimmung ist es aber auch, die für CORALINE trotz bekannter Handlungselemente und vertrauter Stilistik zum Alleinstellungsmerkmal wird. Für zündenden Witz und anrührende Geschichten bleiben Pixar-Produktionen die beste Anlaufstelle. Wer Abwechslung schätzt, wird bei CORALINE aber auf ein erfreulich konsequentes Kontrastprogramm zu den knallbunten, zuckersüßen Genregrößen stoßen, das besonders glänzt, wenn es darum geht, kleinen Dingen, wie einem Paar Handschuhe oder Haustieren, emotionalen Gehalt zu verleihen. Der zurückhaltende, nie bösartige Humor trägt seinen Teil dazu bei, eben jene Sympathie hervor zu rufen, die man sich von einem Film wie diesem wünscht.
Um noch einmal auf den einleitenden Gedanken zurückzukommen: Ungeachtet der erwartungsvollen Begeisterung, die ALICE IM WUNDERLAND allerorts entgegengebracht wird, kann man es niemandem verdenken, sich an Burtons Stil satt gesehen zu haben. (Allein die Omnipräsenz von Helena Bonham Cartern schadet der Magie seiner Welten und Werke mittlerweile mehr, als sie nützt.)
Auch CORALINE hat stilistisch einen hohen Wiedererkennungswert, der allerdings nicht weiter stört, schaffen es doch wenige Animationsfilme dieser Art auf die Leinwand. So vermag das eigenwillige Märchen die wenig überraschende Handlung mit dem erwarteten Potpourri an schrägen Charakteren und kruden Ideen erfolgreich zu übertünchen.
Ein schöner Film für einen regnerischen Nachmittag.
Mit 9 in den Startlöchern aber (noch) keine neue Referenz.


February 10th, 2010 at 10:46 am
Ich habe mir den Film auch zu Weihnachten gegönnt und mit meiner besseren Hälfte in der BluRay-Version genossen – 5 Minuten in 3D, danach haben wir auf 2D umgeschalten (die grün/rot-Brillen sind für den Bobbes, wirklich).
Der Film war wirklich angenehm, schöner Humor, gruselige Elemente, Momente, in denen man gerne eine starke Schulter anbietet (hehe!), der einzige Kritikpunkt ist meines Erachtens die FSK-Freigabe ab 6. Da hat wohl wieder jemand gedacht “Aha, ein Animationsfilm, geht um ein kleines Mädchen, also ein Kinderfilm – *zack* Stempel drauf”. Aber da ich schon älter als 6 bin (*heul* sogar mehrfach!), hat das nicht mein zartes Seelchen zum Zusammenbrechen gebracht.
February 10th, 2010 at 6:41 pm
Rückblickend erinnert mich der Film irgendwie stark an Beetlejuice.
February 10th, 2010 at 6:49 pm
@wolfgang: Genau meine Rede :) Das mit dem 3D habe ich nicht erwähnt, ging uns aber genauso. Wirklich nichts gegen 3D , aber dann sollte es schon auf dem Niveau sein, dass nun in Kinos Standard ist. Rot/Grün-Brillchen machen einfach die Optik kaputt.
@skip: Findest du? Hmm…