Astreine Buddy-Action mit Robert Downey Jr. und Jude Law – man muss sich ja bereits vor dem ersten Griff in die Popcorn-Tüte die Finger lecken. Wäre da nicht der Haken mit dem Titel. Der erste Trailer zu SHERLOCK HOLMES hatte mehr von einem bösen Omen als einer freudigen Verheißung. Zwar sah die Inszenierung brillant aus, aber erstens ist das in einem Werbetrailer vortäuschbar und zweitens biss sich das Gezeigte mit vielem, das man gewöhnlich mit dem Meisterhirn assoziiert.
Der Knackpunkt ist: Man muss die neue Interpretation erleben, um zu entdecken, mit wie viel Liebe und Respekt sich der Figur genähert wurde. So sind zahlreiche Elemente und Charaktere, die auch die ikonisierte Version des Meisterhirns auszeichnen, auch hier vorhanden, was die abschweifenden Actionszenen verzeihlich macht. Letztere wurden zudem sinnvoll genutzt, um Holmes brillante Auffassungsgabe in den Eye-Candy-Bereich zu transferieren. Anstatt bloß in vornehmen Salons über seine Entdeckungen zu referieren, benutzt Action-Holmes sein geschultes Auge, um durch gezielte Attacken im Nahkampf über seine Gegner zu triumphieren. Eine tolle, auch nicht aus der Luft gegriffene, Idee, die gleich zu Anfang eingeführt wird und einen guten Teil der Bedenken, der Intellekt könnte zu kurz kommen, zerstreut.
Diese Herangehensweise resultiert in einem weiteren interessanten Effekt: die Übernahme der verschiedenen Merkmale (Verkleidungstalent, Drogenabhängigkeit, Violinenspiel, großes Interesse an Chemie) gibt der Figur eine gefühlte Tiefe und Komplexität, die das Drehbuch eigentlich nicht bietet. Hätte es sich bei Holmes also um eine Neuerfindung gehandelt, hätte man den Autoren vorwerfen können, ihrer Figur derart viele Eigenschaften und Fähigkeiten anzudichten, ohne diese ausreichend zu erklären oder zu legitimisieren. So aber nimmt man deren Erwähnung erfreut zur Kenntnis, akzeptiert „dass es so ist“ und stürzt sich trotz banaler Handlung in die liebevoll inszenierten Actionszenen, ohne sich um eine erzählerische Basis betrogen zu fühlen.
Dass dies so funktioniert, ist nicht allein der Regie und der Spielfreude, die Downey Jr. und Law an den Tag legen, zu verdanken. Was einem hier an musikalischer Untermalung und ideenreicher Kameraarbeit auf Ohren und Augen gezaubert wird, verdient Beachtung und besondere Erwähnung. Alles wirkt stimmig und doch einfallsreich genug, um aufzufallen. Ebenso die Sprache, die gerade weit genug auf die Epoche eingeht, um interessant zu wirken, ohne gleich anzustrengen oder überkandidelt zu wirken. Hardcore-Anglophile und Holmes-Fanatiker werden sicher einiges zu kritisieren finden, als Abwechslung zum üblichen Actionfilm-Einerlei funktioniert es aber prächtig.
Ein »Aber…« bleibt: Trotz (oder, wie immer, wegen) seiner stilistischen Eigenständigkeit kann sich SHERLOCK HOLMES nicht aus der allgegenwärtigen Eskapismus-Front lösen. Ungeachtet seiner eher düsteren Stilistik und smarten Präsentation zeigt Richie lediglich eine prall mit Magie und Feuerwerk gefüllte Welt, die nach sehr einfachen Regeln funktioniert. Eine Welt, in der man jeder Figur die Gesinnung vom Gesicht lesen und die Guten auf einen Blick von den Bösen trennen kann. Es scheint unwahrscheinlich, dass die versprochene Fortsetzung hier subtilere Pfade einschlägt. HARRY POTTER, AVATAR, PERCY JONES, THE MUMMY und Konsorten lässt dieses Spektakel aber dennoch mühelos im Rinnstein stehen.
Ein spaßiger Abenteuerfilm, der seine Zuschauer nicht für vollkommen blöde hält.
Der derzeit heißeste Anwärter auf die INDIANA-JONES-Thronfolge.