Ach ja, was soll man sagen. Zuerst hatte ich überlegt, diese Rezension auf einer Metaebene zu bestreiten, indem ich eine Pocahontas-Kritik kopiere und einfach die Namen austausche. Aber erstens ist das abmahnfähig und zweitens hätte es sicher kaum jemand verstanden, jedenfalls nicht, wenn man danach geht, was sich im Web so herumtreibt. Die nächste Idee war, es bei einer selbstironischen Spitze zu belassen und einen Aufguss meiner eigenen Phrasen als Einleitung zu verwenden, im Stil von: »Es gibt Kinofilme, nach deren Besuch man merkt, wie mit jeder Minute die Begeisterung, und somit auch die persönliche Wertung, abebbt. Bei AVATAR stellt sich dieser Effekt weit vor dem Abspann ein.«
Haute mich aber auch nicht vom Hocker. Also lassen wir das.
Hätte er nicht so kleine Ohren, würde er vermutlich hören, wie sich der Heli von hinten anschleicht.
AVATAR ist einfach alles, was die Kritiken besagen. Und weniger. Denn selbst in 3D auf gigantischer Leinwand kann die Sturmflut an Effekten die banale Langeweile nicht ersäufen, welche die Handlung heraufbeschwört. Man sieht sich fast genötigt, dem Film eine seiner wenigen Leistungen vorzuhalten: Die Welt, die James Cameron mit seinem CGI-Overkill erschaffen hat, ist absolut stimmig und leistet sich keine künstlerischen Ausrutscher – wirkt aber auch nicht fremdartig genug, um dauerhaft zu faszinieren. Ein halbes Dutzend schräge Tierarten und ein paar leuchtende Blumen machen eben aus einem Regenwald keinen faszinierenden, fremden Planeten.
Zugegeben: Die Gesichtsanimationen der Aliens sind hervorragend, Tier- und Pflanzenwelt wirken paradiesisch und exotisch, aber nie übertrieben genug, um sich zu diskreditieren. Die 3D-Effekte werden konsequent und nicht allein um ihrer selbst willen eingesetzt, und fügen sich so nach einer Weile angenehm in das Filmerlebnis ein. Das bunte Treiben macht für eine Weile ordentlich Spaß, und man meint fast, sich an den Bildern niemals sattsehen zu können.
Dieses Gefühl hält ungefähr bis zur Hälfte des Filmes vor. Dummerweise mobilisiert das Drehbuch zum selben Zeitpunkt all seine Reserven. Das esoterische, religiös-verklärte Fantasygebrabbel der Figuren, welches zuvor als leichtes Hintergrundrauschen halbwegs ausgeblendet werden konnte, erreicht zunehmend eine Intensität, bei der sich besten Willens nicht mehr übersehen lässt, was einem da in hübscher Folie dargeboten wird: ein strunzbanaler Fantasyplot auf Grundschul-Niveau, in seiner Harmlosigkeit und Vorhersehbarkeit kaum mehr zu übertreffen. Wer sich in eine Welt, bevölkert von Indianern, die Bäume anbeten und auf Drachen (ja, was sonst bitte?) reiten, als bahnbrechende Science-Fiction verkaufen lässt, ist selbst schuld. Genauso all jene, die sich von derart weichgespülten Konflikten und Erwählten-Fantasien mitreißen lassen, um nach Filmende in der Schlange einer FastFood-Kette darüber zu diskutieren, wie wir doch mit mehr Nähe zur Natur bessere Menschen werden könnten.
Gegen Ende hin wird das Getöse noch einmal richtig laut, um über ein paar Logikfehler und erzählerische Dreistigkeiten hinweg zu täuschen. Wer zu diesem Zeitpunkt nicht bereits mit dem Einnicken ringt, sitzt wahrscheinlich in der Nachmittagsvorstellung. Das Positivste, das man wagen kann, ist AVATAR als eine Art Reise in eine fremde Welt zu bezeichnen. Selbst dafür ist er jedoch erschreckend inhaltsarm, werden doch die wenigen, interessanten Fragen und Aspekte (neurale Vernetzung des gesamten Planeten, kulturelle Besonderheiten, Missionierung der Einwohner durch Schulen) in Halb- und Nebensätzen abgehandelt. Es braucht keine Forschung, keine Völkerverständigung, nur einen Helden mit Bierfilz-tauglicher Motivation, der zahlreiche Nebenfiguren voller Inbrunst in den Untergang führt, ohne jemals inne zu halten. Wirft man einen halbwegs klaren Blick auf das Geschehen, kann man nicht umhin, zu erkennen, wie erstaunlich konservativ, angepasst und fundamentalistisch all das Treiben im Kern ist. Das macht aus AVATAR in erster Linie eine unglaubliche Ansammlung verschenkter Chancen, etwas wirklich Ungewöhnliches, Innovatives oder Provokantes zu zeigen. Der Mut der Macher reichte leider nicht einmal für Polygamie oder ein Kastensystem, dass mehr als »Jäger« kennt.
Schlussendlich dürfte egal sein, was die Kritiker sagen. Der Erfolg gibt Cameron Recht, und so wird AVATAR ganz sicher nicht der letzte seiner Art sein. Aber der Erfolg spricht auch Bände über jene, die ihn zu verantworten haben.
Er spricht Bände über uns.