Vor ein paar Monaten stellte FRANKLYN bedauernswerterweise zur Schau, dass auch ein frischer Wind den Geruch von faulen Eiern mit sich tragen kann. Trotz aller Ambitionen, seinem Genre etwas Neues abzugewinnen, wenn nicht sogar ein eigenes zu schaffen, vermochte er in keinem Punkt richtig zu überzeugen. HEARTLESS scheitert ebenfalls bei dem Versuch, wichtige Schlaglöcher zu umfahren, und donnert statt dessen mit Karacho in eine Sackgasse anstrengender Belanglosigkeit.
Aber beginnen wir von vorn.
Zu Beginn ist vom Willen zur Innovation nicht viel zu merken. Ein junger, durch ein schlimmes Muttermal entstellter Fotograf streift durch die heruntergekommenen Teile Londons um Fotos von Hausruinen und Verfall zu schießen. So weit, so klischeebeladen. Als er beim späteren Entwickeln der Fotos in einem Fenster eine geisterhafte Fratze entdeckt, hat er natürlich nichts Besseres zu tun, als mitten in der Nacht zu jenem Haus zurück zu kehren und den Dingen auf den Grund zu gehen, wobei er gleich mal Hausfriedensbruch begeht.
Das mag man als Zugeständnis ans Genre werten, oder als Zeichen dafür, dass der Drehbuchautor absolut keine Idee hatte, wie er seine Figur in die geplante Geschichte bringen soll. Man ist ja mittlerweile gewohnt, Fotografen in Filmen stets einen Voyeurismus zugestehen, der jeglichen Anstand und Selbsterhaltungstrieb beiseite wischt. Trotzdem würde man sich von einem so »jungen« Mysterythriller etwas mehr Kreativität und Glaubwürdigkeit wünschen, was die Motivation des Protagonisten betrifft, sich einer unbekannten Bedrohung zu nähern.
Wie dem auch sei: Es entspinnt sich eine Geschichte über echsenhafte Monster, die den Stadtteil terrorisieren, über den bzw. einen Teufel, der Wünsche gewährt und damit die Stadt ins Chaos und seine gewonnen Lakaien in den Untergang treibt, und eben jenen Fotografen, der doch eigentlich nur normal sein will, und dabei seine Seele aufs Spiel setzt. Nebenher bringt man noch ein wenig Milieustudie und Romantik unter, wobei letztere natürlich einer der Aufhänger ist, die den Protagonisten am laufen halten, nachdem die Initialzündung verpufft ist. Um jenen, die dem Film gern eine Chance geben möchten, nicht die Freude zu verderben, sei es mit diesen vagen Angaben belassen. Es sei lediglich gesagt, dass am Ende doch alles ganz anders ist, wobei dies leider keinen Mehrwert darstellt – ganz im Gegenteil.
Dass zwei Absätze weiter oben von einem »jungen« Mysterythriller die Rede war, hat zwei Gründe. Erstens haftet HEARTLESS deutlich der Beigeschmack eines Erstlingswerkes an, was er streng genommen aber nicht ist. Zweitens ist Regisseur und Drehbuchautor Philip Ridley mit seinen 46 Jahren nun auch kein Jungspund mehr, auch wenn sein Werk sehr überschaubar ist. Beides führt aber zu einem gewissen Grad an den prägenden Makel des Films heran: Timing. Ridley macht leider genau da vieles falsch, wo der Pulsschlag eines Films am deutlichsten zu fühlen ist. Während diverse Szenen, unter anderem die wenig innovative Romanze, unnötig in die Länge gezogen werden, werden andere, nicht minder essenzielle Aspekte, viel zu abgehackt abgehandelt. Der daraus resultierende, holprige Eindruck macht jeden netten Ansatz zunichte und stört noch mehr als die eingangs erwähnte, genreübliche Dummheit der Figuren.
Ein weiterer, eher nebensächlicher Faktor, der aber Filmfans auffallen wird, ist, wie konsequent das cineastische Grundwissen der Zuschauer ignoriert wird. Manche Motive sind so etabliert, dass man als Erzähler davon ausgehen kann, dass das Publikum selbstständig die Lücken füllt und Verbindungen herstellt. Klischees sind dafür nur ein Beispiel. Die Fähigkeit, solche Stellen zu identifizieren, und an der richtigen Stelle abzublenden, bevor das Publikum sich zu langweilen beginnt, macht in solchen Fällen gutes Storytelling aus.
Wird nun aber beispielsweise ein Date, dessen genauer Ablauf für die Geschichte irrelevant ist, nicht in ein bis zwei Minuten oder einer prägenden Szene auf den Punkt gebracht, sondern in einer gefühlt viertelstündigen Montage von Momenten, die die Etappen des Abends beschreiben, ausgewalzt, muss man sich als Autor und Regisseur gefallen lassen, als Amateur bezeichnet zu werden. Statt sich den Figuren verbundener zu fühlen, wird der Zuschauer aus dem Geschehen gerissen und selbst zum Voyeur degradiert. Ein ähnlicher Effekt entsteht übrigens durch den Stolz, mit dem der nette, aber nicht beeindruckende Soundtrack präsentiert wird, was leider ebenfalls darin resultiert, dass überflüssige Einstellungen aneinandergereiht bzw. in die Länge gezogen werden.
Um zur Abwechslung mal wieder ein müdes Wortspiel zu bringen: Man kann HEARTLESS vieles vorwerfen, aber nicht, dass es der Umsetzung an Herz mangelt. Leider zeigt der Film, wie wenig das im Ernstfall nützt. So wird aus einem netten Mysterythriller ein Paradebeispiel für Scheitern mangels Erfahrung und Gefühl für gutes Erzählen.


May 15th, 2010 at 2:50 pm
Ich muss Dir hier schweren Herzens mal zustimmen. ;)
Allerdings bin ich immer noch der Meinung, dass ein ziemlich guter Film rauskommen würde, wenn man ihn um 1/3 der Länge kürzt und dabei die unsäglichen und unnützen Szenen sowie den Schluss weglässt.
So, wie er ist, kann man dem Film trotzdem etwas abgewinnen, wenn man ihn selbst im Kopf schneidet.
Zumindest bin ich immer noch der Meinung, dass es allein die Szene mit Mr Weaponman rechtfertigt, den Film über sich ergehen zu lassen. Einige Szenen sind schon echt gut – schade um das Gesamtwerk.