Cargo.

»Stell Dir vor, du fliegst ins All, und langweilst dich zu Tode.« So könnte der Slogan eines Films über die Folgen anhaltender Isolation bei Raumfahrern lauten. In diesem Fall beschreibt es leider in erster Linie den Film selbst, weniger dessen Handlung.

Der Start der Reise gerät noch halbwegs interessant. Regisseur und Co-Autor Ivan Engler verstand das Beste aus dem überschaubaren Budget zu machen und eröffnet sein Zweitwerk mit Space-Porn allererster Güte. Eine gigantische Raumstation, auf der fast die komplette, verbliebene Menschheit beheimatet ist, dreht sich glitzernd im All. Aus einer TV-Sendung und Werbetrailern erfährt der Zuschauer vom Elend unserer Erde, die längst nicht mehr bewohnbar ist, sowie der Existenz eines neuen Planeten, der jedoch nur den Glücklichen und Reichen Unterschlupf gewährt.

So fühlt man sich also als Zahnpasta.

In den folgenden Minuten schimmert mit der Einführung der Protagonistin erstmals durch, was CARGO trotz der beachtlichen Effekte letztlich immer wieder als Indie-Produktion demaskiert. Gestus, Dialoge und Sprechweise der Hauptdarstellerin wirken wie in vielen jungen, deutschsprachigen Produktionen eigenartig steif und aufgesetzt, was sich nicht zwangsläufig bzw. allein mit mangelnder Erfahrung erklären lässt. Auch die Motivation der Protagonistin, auf dem Frachtschiff anzuheuern, welches den Großteil der Laufzeit über Schauplatz der Handlung sein wird, könnte direkt aus einem Übungsbuch in Drehbuchschreiben übernommen worden sein und lässt bereits deutlich erahnen, wohin die erzählerische Reise geht.

Für eine Weile gelingt es dem Ambiente, allen voran den gekonnt präparierten und eingefangenen Kulissen, davon abzulenken. Mit den ersten Andeutungen einer fremden Präsenz an Bord wird auch der vom Trailer geweckte Eindruck bestätigt, dass Engler irgendwie auch gerne einen neuen ALIEN drehen oder diesem Klassiker zumindest huldigen möchte, denn die dunklen Gänge des gigantischen Raumfrachters schaffen exakt jene klaustrophobische Atmosphäre, die jeder Filmfan mit der Nostromo assoziiert. Verstärkt wird der Effekt durch die kleine Crew, die in Zusammenstellung, Charakterzeichnung und Grundstimmung dem geistigen Vater kaum ähnlicher sein könnte.

Wenig später deutet sich jedoch bereits an, was letztendlich den zentrale Mangel des Films bildet. Man beginnt zu ahnen, dass CARGO nicht liefern wird, was er an Erwartungen weckt. Sobald erahnbar wird, was sich an Bord befindet, verfällt der Film in einen erzählerischen Kälteschlaf und verliert jeglichen Bewegungsmoment – ein Todesstoß für die Stimmung. Ab diesem Moment ändern auch ein paar ansehnliche CGI-Sequenzen, ein wenig wohldosierte Action und die grundsätzlich saubere Inszenierung wenig an der schleichenden Langeweile, die sich  unweigerlich beim Zuschauer breitmacht. Besonders fatal dabei ist, dass genau jene Szenen, die eindeutig Höhepunkte darstellen sollen, auf ganzer Linie enttäuschen.

Schnappschuss aus dem "Writers Room" von CARGO.

Als ihm klar wurde, dass man im Weltall als Kapitän nicht "mit seinem Boot untergehen" konnte, wusste Ernst Groebe, dass seine Tage gezählt waren.

Gegen Ende wird es dann plötzlich rasant. Als hätten sich die Drehbuchautoren darauf besonnen, dass sie doch eigentlich eine Geschichte erzählen wollten, gibt das Drehbuch unvermittelt vollen Schub und donnert durch ein Ende, dass einem anderen Film gut gestanden hätte, wenn es nicht – wie hier – vollkommen übereilt und gehetzt durchgenudelt werden würde. Die plötzliche, aufgesetzte Dramatik erschreckt mehr, als das sie unterhält, und ohne ausreichende emotionale Basis verglüht die nette, leider aber auch sehr abgedroschene Aussage lange bevor Sie beim Zuschauer zu anzudocken vermag.

Dass CARGO in seiner Gesamtheit unbefriedigend wirkt, liegt weniger an den unvermeidbaren Logikmängeln, gegen die sich das Drehbuch mit klassischen Tricks weitgehend abzusichern verstand, sondern mehr an dem Gefühl, Zeuge eines Experiments geworden zu sein, dass ungewollt das volle Ausmaß seiner Schwächen offenlegte. Zwei abgedroschene Themen zu verschmelzen, um etwas Neues zu schaffen, muss, wenn es nicht gelingt, unweigerlich in einer Potenzierung von Vorhersehbarkeit und Unwillen enden.

Es ist erfreulich, dass in den letzten Jahren wieder zunehmend »echte« Science-Fiction Filme gedreht werden. Dass man CARGO handwerklich kaum ansieht, wie viel er gekostet haben mag, und die Atmosphäre in der ersten Hälfte überhaupt Erinnerungen an Größen wie ALIEN weckt, macht Engler auf jeden Fall zu einem soliden Regisseur. Nur das Drehbuchschreiben sollte er anderen überlassen – oder weniger Leute mit einbeziehen, wie die 5 Namen in den ausführlichen Credits nahe legen.

Fazit:

CARGO ist wie eine talentlose Stripperin mit wenig »drunter«. Nach etwa einer halben Stunde beginnt dem Zuschauer zu dämmern, dass der Film nichts mehr zu zeigen hat, bzw. dass das, was einen erwartet, nicht halb so interessant sein wird, wie der Trailer hoffen ließ. Regisseur und Co-Autor Ivan Engler merkt dies leider erst 20 Minuten vor Schluss, woraufhin das Geschehen ebenso abrupt wie uninspiriert zu einem fulminanten Finale hochgepeitscht wird, dass sich nicht nur vollkommen von der bislang aufgebauten Atmosphäre verabschiedet, sondern zu allem Überfluss auch noch angestrengt bedeutungsschwanger und moralbeladen daher kommt. Dass der finale Kniff schon nach der ersten Hälfte absehbar war, stört da noch am wenigsten. Dass auf dem Weg von der Andeutung zur Auflösung so wenig Spannung und Unterhaltungswerte vermittelt werden kann, hingegen sehr.

Weniger trashig als der kürzlich erschienene PANDORUM, aber erzählerisch kaum anspruchsvoller und definitiv nicht unterhaltsamer. Weniger als ein Jahr nach MOON und mit einer langen Liste themenverwandter Filme reicht das nicht für eine Empfehlung.


TM, 06.06.2010