Antichrist.

Zu jener Zeit, in der ANTICHRIST in Feuilletons und Öffentlichkeit diskutiert wurde, konnte man ein interessantes Detail beobachten, dass in der Abreibung, die von Triers Neuer vielerorts kassierte, beinahe unterging. Selbt jene Kinogänger, die den Film prinzipiell mochten, äußerten sich relativ verhalten bzw. gaben sich nüchtern-kritisch, was die Bewertung mancher Aspekte betraf. Auf echte Begeisterung traf man recht selten. Deshalb sehe ich es als meine Pflicht, hier einen Schritt nach vorn zu wagen und mit einer klaren Ansage zu eröffnen. ANTICHRIST ist nicht genial, aber sehr, sehr gut. Punkt. Jedenfalls wenn man von der Prämisse ausgeht, dass ein Regisseur wie von Trier ein recht klares Bild vor Augen hat, wo er mit einem Film, einer Geschichte, hin will.

"Wenn ich Dir nun sage, dass dein "Cape" meine therapeutische Schmusedecke ist, was sagst du dann, mein Schatz?" - "Nenn mich BATMAN!"

Zunächst stellt sich die Frage, warum man NICHT von dieser Prämisse ausgehen sollte. Warum sich überraschend viele in einer Richtung äußern, die suggeriert, dass sie besser wüssten, was der Film sagen will – oder eben sagen sollte – als der, der ihn geschrieben und inszeniert hat. Ich bin beileibe kein Fan von von Trier, aber ein wenig anmaßend darf man das schon finden. Zwar nimmt sich persönliche Meinung stets das Recht, solch ein Urteil zu fällen, in diesem Fall überrascht aber die Vehemenz, mit der die Kritiker sich ereifern. Betrachtet man die Themen, bei denen jene Unkenrufe vornehmlich ertönen, wir die Angelegenheit schon klarer.

Stein des Anstoßes ist – zum einen – die deutliche Darstellung von Gewalt, die viele als überflüssig erachten. Ich werfe mir jetzt selbst einen Knüppel in die Beine, indem ich  zugebe, dass ich in vergangenen Werken durchaus auch den Eindruck hatte, dass von Trier sporadisch gerne um den Provozierens willen provoziert. Das ist nichts, mit dem man bei mir punkten kann. Man muss jedoch zugeben, dass der Vorteil einer solchen Attitüde sein kann, ohne Schalldämpfer und ohne Selbstzensur zu arbeiten. Und in diesem Fall darf man da sehr polemisch werden. Zum einen der Titel. Der Film heißt Antichrist. ANTICHRIST. Man muss schon sehr sensibel – oder sehr abgestumpft sein, um davon überrascht zu sein, wenn ein Erzähler bei dem Titel auf die Kacke haut.
Zum anderen das Genre: von Trier ist Arthaus-Kino, keine Frage, aber hier handelt es sich um einen waschechten Horrorfilm, nur eben einen, der erwachsener und psychologisch interessanter daher kommt als der Rotz, der das Genre in den letzten Jahren diskreditiert hat. Da erschreckt sich der Programmkinobesucher also genauso wie die kleine Gruppe anspruchsvollerer Multiplex-Gänger, die nicht gerade der Gewalt wegen in Horrorfilme gehen. Falls es die überhaupt noch gibt.

Nein, es ist nie die Intensität der Gewalt, die allein ausschlaggebend dafür ist, wie sie vom Zuschauer wahrgenommen wird. Es ist immer (auch) der Kontext. Wem passiert was unter welchen Umständen, und wie realistisch wird dies vermittelt. Ich für meinen Teil kann sagen, dass mich seit IRREVERSIBEL wenig Filme so mitgenommen haben, ohne dass ich gleichzeitig das Gefühl hatte, manipuliert zu werden (von der Sexszene am Anfang einmal abgesehen, die in ihrer Ausführung etwas zu gewollt wirkt).

Reichhaltiges Studentenfutter für kommende Filmwissenschaftler. Aber nur eine Rosine?

Sein ganzes Leben träumte er davon, Kaffeebauer zu werden. Von großen, gerösten Bohnen. Dann kamen die Pads - und alles war verloren.

Nun muss man sich fragen: Wieso darf ein solcher Film den Zuschauer nicht anekeln? Ist explizite Gewaltdarstellung immer automatisch Selbstzweck? Und wäre der wirklich, ehrlich, seinem Namen gerecht geworden, wenn er das Schlimmste ausgeblendet hätte? Niemand zweifelt an, dass Grauen und Gewalt genauso oder sogar noch viel intensiver sein können, wenn man NICHT mit der Kamera drauf hält. Die Reaktionen auf diesen Film zeigen aber, dass das Ziel erreicht wurde, Ekel und Grauen zu vermitteln. Das hat auch nichts damit zu tun, sich bei einer jüngeren Zielgruppe anzubiedern, die so etwas vielleicht erwartet. Es hat auch nicht unbedingt damit zu tun, eine ältere Zielgruppe vor den Kopf zu stoßen. Es hat aber ganz sicher damit zu tun, nicht einen Teil eines Bildes mit einem Laken abzudecken, nur weil das Gezeigte geschmacklos ist. Ein solcher Film verlangt, mit Verlaub, einen Umgang, der dem entspricht, was man Kunst im allgemeinen zugesteht. Und dass ANTICHRIST Filmkunst ist, möchte ich glaubwürdig widerlegt sehen. Was von Trier hier atmosphärisch, visuell und akustisch aus sich herausholt und wagt, spottet jeder Beschreibung. Und wenn ein Filmemacher hüfttief in Symbolik watet, ohne dabei unterzugehen, werde ich vorsichtig, mir besseres Wissen zuzusprechen.

Stein Nummer 2 ist das Thema Frauenfeindlichkeit, also auf seine Weise noch brisanter, und spätestens hier verliere ich ein wenig den Durchblick. Seit wann, möchte ich fragen, macht sich ein Erzähler die Meinung seiner Figuren zu eigen? Soweit ich informiert war bzw. bin, war es nie Aufgabe, nie die Pflicht eines Erzählers, politisch korrekt zu sein, genauso wenig wie man als Erzähler differenziert oder objektiv zu sein hat, sofern man sich dies nicht zu sein behauptet. Hat der Drehbuchautor eines Films wie ROMPER STOMPER, der damals ähnlich krass wirkte, die Pflicht, die Aktionen seiner Protagonisten anzuprangern? Oder sollten die Geschehnisse nicht für sich selbst sprechen? Geschichten haben immer auch erzieherischen Wert, beizeiten auch erzieherische Pflicht, doch ist dafür bei einem Werk, dass keine Jugendfreigabe erhält, wirklich der erhobene Zeigefinger notwendig? Man bedenke: von Trier sichert sich sogar ab, in dem er beide Charaktere seines Films in gleichem Maße hoch neurotisch macht, zumindest zu Beginn. Die Sünde, die den Stein ins Rollen bringt, ist die eitle Arroganz des Mannes, nicht die Psychose der Frau. Dass irgendwann die Waage kippt, und einer der beiden zum Antagonisten werden muss, liegt in der Natur des Erzählens. Dass es die Frau ist, die sich frauenfeindlich äußert, und durch ihr Verhalten dies gleich noch bestätigt, ist vielleicht nicht die bestmögliche Konstellation, steht aber im Dienst einer Geschichte, und was wäre langweiliger gewesen als ein frauenfeindlicher Mann? Nun, da dies gesagt ist, sei erwähnt, dass von Trier diversen Quellen zufolge tatsächlich ein Problem mit Frauen, bzw. konkreter der weiblichen Sexualität (was auch immer damit gemeint ist), hat. In Verbindung mit anderen Leiden kann man ihm hier kaum Distanz akkreditieren. Daran kann man die vorhandenen Passagen messen. Man kann jedoch auch nicht von einem Ausmaß sprechen, dass den Film ohne dieses Vorwissen als frauenfeindlich enttarnen würde. Auch dies nimmt dem Film nicht seinen Schrecken, seine unleugbare Intensität.

Kommen wir zum Ende. Ich bezweifle nicht, dass ANTICHRIST anders hätte gemacht werden KÖNNEN. Ich stelle aber in Frage, ob er anders gemacht werden MUSSTE. Er funktioniert, wenn auch mit Kollateralschaden, sehr gut. Kamera, Besetzung und Ton sind vortrefflich, das Drehbuch bietet zweifelsfrei sehr solide Dialoge, die von der Inszenierung in stets origineller, nie langweiliger Weise transportiert werden. Daraus resultiert eine Atmosphäre, die nicht nur dem Titel auf eigenwillige Weise gerecht wird, sondern auch eine Stimmung, die so in dieser Form lange nicht mehr auf der Leinwand zu sehen war. Dass er mit seiner Thematik und seiner Inszenierung sowohl das Massenpublikum als auch Filmverständige vergrault, ist schade.

Und so darf man mit etwas Chuzpe sagen, dass ANTICHRIST eine Art SHINING meets MISERY meets EVIL DEAD für diese Dekade darstellt. Mehr noch: Es ist ein kunstvoll inszenierter Albtraum, den man in solch reifer Form selten bis nie zu sehen bekomm, in gleichem Maße widerlich wie furchterregend, abstoßend wie beeindruckend, polemisch wie fesselnd.

ANTICHRIST wirkt, als wolle er um keinen Preis gefallen.
Aber das muss er ja auch nicht. Er muss nur funktionieren.


TM, 03.07.2010