Schon alles gesagt. Damit muss man ja quasi eine Kritik zu diesem Film, die jetzt erst kommt, beginnen. Nichts, was man noch hinzufügen könnte, kein Blickwinkel, der nicht auf mehr Niveau, als mir möglich ist, bis ins Detail ausgeleuchtet wurde.
Alles schon gesagt. Sogar dieser Ausdruck, der auf seine Weise selbst verlogen ist, dient er doch lediglich als Alibi, sämtlichen Anspruch auf Objektivität und Vollständigkeit hinsichtlich der Berichterstattung über Bord zu werfen.
Wie gut, dass es sich bei diesem Eintrag nicht um eine Kritik handelt, sondern um blanke Polemik, genährt durch eine befremdliche Mischung aus Ekel und Frustration. Denn so unterhaltsam wie INGLORIOUS BASTERDS ist, so sehr muss man sich wundern, was hier von Volk und FSK als Entertainment dankend durchgewunken wurde.
Was haben wir also hier? Zum Einen, zweifelsfrei: einen echten Tarantino. Denn hier tut er mal wieder das, was er am Besten kann: Endlose, aber hochgradig unterhaltsame Dialoge schreiben, die dann zu einem dünnen, aber niemals langweiligen Plot zusammen gestückelt und mit ein paar Referenzen angereichert werden. Das gelingt auch diesmal wunderbar. Obwohl der Film nicht ganz so zitierbar ist wie Tarantinos frühere Werke, lässt er doch jede Menge toller Momente entstehen, die ihre Wirkung über den Abspann hinaus halten. In diesem Zusammenhang muss natürlich augenblicklich Christoph Waltz erwähnt werden, der den Film derart beherrscht, dass man kitschig sagen darf: Ohne sein Zutun wäre der Streifen verzichtbar. Was Waltz in seinen Szenen leistet, die nicht ohne Grund länger und unterhaltsamer sind als die von Pitt, ist mehr als beachtlich und in jedem Fall das Geld für eine Kinokarte oder DVD wert.
Soviel zum Guten. Doch wie der Film folgt auch diese Kritik gewissen Klischees und Konventionen: Wenn mit dem Positiven begonnen wird, folgt unweigerlich ein längerer, kritischer Teil.
Für mich persönlich endete der Spaß in der Szene, in der Eli Roth als »Bear Jew« einen deutschen Offizier mit einem Baseballschläger zu Tode prügelt. Im aktuellen Mainstream-Kino suchen diese paar Minuten ihresgleichen. Jede Sekunde, von der Inszenierung von Roth über den kurzen Dialog bis zur eigentlichen Ermordung, ist grauenvoll und abstoßend. Das wäre vollkommen in Ordnung, womöglich sogar lobenswert, sprächen wir hier von einem Drama, einer Tragödie oder einem Thriller. Wir reden aber von einem Film, der weder sich noch sein Thema ernst nimmt, einem gewalt- und effekttrunkenen Partyfilm, der in etwa das selbe Verhältnis zu Mord und Totschlag hat wie 300 oder SIN CITY.
Und während einer der Helden, angefeuert von seinen Kameraden, auf einen wehrlosen Kriegsgefangenen eindrischt, frage ich mich, ob ich ebenso empfinden würde, wenn in den Credits ein anderer Regisseur aufgeführt wäre. Einer, der nicht mit KILLBILL bewiesen hätte, dass ihm jegliches Gefühl für Zwischentöne abhanden gekommen ist, und der für einen Effekt allein jegliche Moral über Bord wirft. Ich frage mich, ob es mich weniger stören würde, wenn es nicht der Regisseur des unsäglichen HOSTEL wäre, der den Schläger hält, und von seinem Kumpel als Archetyp für jüdisches Selbstbewusstsein inszeniert wird.
Die Frage ist natürlich akademisch und lässt sich nicht beantworten, da die Erkenntnis unweigerlich lauten müsste, dass es in diesem Fall wohl generell ein komplett anderer Film geworden wäre. Ein einfaches Gemüt dürfte den Kritikern sogar entgegen halten, dass dieser Moment, in dieser Form, der Klarstellung der »Basterds« als Anti-Helden dienen soll. Die Szene wären jedoch allein nicht Grund genug, so ausführlich angesprochen zu werden, wäre sie nicht auch der Auslöser für weitere Fragen. Sie ist der Kern des Übels, der erkennen lässt, welche Überlegungen sich aufdrängen, wenn man einmal kurz aus dem Moment gerissen wird:
Man darf infrage stellen, ob die Figuren diesmal mehr sind als Abziehbilder aus einer 90er-Jahre Kaugummiverpackung. Ob die spannenden Momente wirklich dem Drehbuch, oder vielleicht doch mehr den Darstellern zu verdanken sind, die bis auf wenige Ausnahmen durch die Bank brillieren. Tarantino zeigt, was er kann, wenn er seine Akteure ihr Bestes geben lässt – aber auch wenn er jenen, die nicht viel vermögen, kein Quäntchen Leistung entlockt.
Des weiteren sollte man sich fragen, WER da einem WAS als cool verkaufen möchte. Man sollte sich fragen, ob unter den Leuten, die jene Szenen mit Schmunzeln, Gelächter oder Szenenapplaus adeln, nicht auch jene sind, die angesichts von Horrorfilmen und Ego-Shootern die Nase rümpfen. Man sollte sich fragen, ob jene, die sich diesen Film kaufen und wiederholt zelebrieren, nicht genauso schlimm sind wie Leute, die allen Ernstes mehrfach für einen Film wie Avatar bezahlen. Tarantino ist, mit all seinen Macken, Mainstream. Doch wenn dies Mainstream ist, warum dann Verbote und Indizierungen? Wenn dieser Film eine 16er-Freigabe bekommen kann, warum dann überhaupt noch FSK?
Aber es ist ja alles nur Spaß. Es ist ja alles zu grotesk, zu überdreht, man meint das ja nicht ernst. Genau. Ironie ist die Totschlagattitüde unserer Generation. Mögen sich Menschen mit eigener Meinung aufregen und ereifern; jedes wohl durchdachte Argument muss unweigerlich an dem scheitern, was gelassene Verfechter als subversiven Spaß etikettieren. Genau wie jede Kritik zwangsläufig von dem Spruch »Tarantino mache Filme, die er selbst sehen möchte, Filme, die ihm Spaß machen« ausgebremst werden soll, obwohl dabei verkannt wird, dass sich öffentliches Erzählen immer an dem messen lassen muss, was als wertig gilt. Angesichts all der Gewalt möchte man ein Auge, das ununterbrochen zwinkert, selbst mit einem Faustschlag schließen.
Für jene, die nun fragen, wo bitte der Unterschied zur Ohr-ab-Szene in RESERVOIR DOGS liegt, sei ergänzend erwähnt: Genannte Szene in INGLORIOUS BASTERDS trägt nichts zur Handlung, nicht einmal zur Dynamik zwischen den Figuren bei. Sie ist einfach nur geschmacklos. Hätte man sie aus dem Film entfernt oder weniger menschenverachtend inszeniert, es wäre nicht aufgefallen. Bemerkenswert ist lediglich, dass es auch in diesem Film wieder in erster Linie ein versierter Darsteller ist, der die wirklich handlungsrelevanten Szenen über den Durchschnitt rettet.
BASTERDS glaubt von sich, cool genug zu sein, um damit durchzukommen. Dass er damit offenbar recht hatte, finde ich in gleichem Maße ärgerlich wie bedenklich. Was der Film kommuniziert, ist: Solange man Spaß dabei hat, ist alles erlaubt. Mit seiner unterhaltsamen Inszenierung verschleiert er letztlich aber nur, wie menschenverachtend das Geschehen eigentlich ist. Gewöhnlich wird ein solcher Film ab 18 freigegeben – mit gutem Grund. Aber bei einem Tarantino ticken die Uhren ja ein wenig anders.
INGLORIOUS BASTERDS ist Tarantino in Bestform, mit all seinen Stärken und Schwächen. Wer sich an oben erwähnten Faktoren nicht stört, bekommt ein actionreiches Schauspiel mit einigen grotesken Momenten und überaus unterhaltsamen Situationen geboten. Wer mit KILLBILL und Co nicht glücklich wurde, und Gewalt nicht per se unterhaltsam findet, sollte sich dem Streifen nur mit äußerster Vorsicht nähern.
July 10th, 2010 at 3:03 pm
“In Erwartung heftiger Widerrede”…ich weiß nicht, ob es sich lohnt hier Widerrede zu geben, eher wäre angebracht dieses Thema zu diskutieren. Widerrede zu Geschmack lässt sich nur schwer argumentieren, denn Rezeption ist nicht mit “Richtig” oder “Falsch” betitelbar. Es können nur Formen am richtigen Ort sein. Nicht über den Film direkt, sondern ihn als einen Bezugspunkt zu sehen, und dann eine Gewaltdebatte zu starten die sich mit den Mitteln der Legitimation befasst, wäre interessant. Also das fortzuführen, was du angelegt hast. Die zweite Rezension in Folge, die keine ist, sich mit Metaebenen von filmischen Werken beschäftigt, damit sich über den Film hinaus bewegt und trotzdem rezensierende Betrachtungen neu strikt; ich bin echt beeindruckt!
Die Empfehlung am Schluss wirkt dabei witzig anachronistisch;)
July 12th, 2010 at 10:22 am
Anachronistisch… ja, da ist was dran. Ich habe auch lange überlegt, ob ich das Fazit so stehen lassen soll. Nach dem vorangehenden Absätzen noch einmal nachzutreten war verlockend, ich hielt es aber für wichtiger, einen Schritt Abstand zu nehmen und noch einmal klar zu stellen, dass der Film schon Spaß machen kann. Wenn man sich an dem, was mich persönlich genervt hat, nicht stört. Ob man das jetzt Fairness nennen will oder einen Versuch, sich mit einem diplomatischen Fazit wenigstens einen Teil der Kreuzritterrrüstung abzustreifen, soll jeder für sich beurteilen.
Das waren jetzt aber auch zwei Rezensionen, die mich massiv ausgebremst haben. Manchmal kann es echt hinderlich sein, keine Deadline zu haben. Die nächsten (sind noch ein gutes Gutzend auf Halde) halte ich knapp und klassischer, das geht schneller.
July 12th, 2010 at 10:23 am
Und von wegen Widerrede: Was Du schreibst, stimmt absolut, ist aber in der Regel bestenfalls ein Grund, kein Hindernis :)