Valhalla Rising.

VALHALLA RISING ist der womöglich am schwierigsten zu rezensierende Film, den ich in den vergangenen Monaten zu Gesicht bekommen habe. Deshalb will ich gar nicht erst versuchen, diesen Beitrag sauber zu strukturieren und mit einem gewissen Konzept vorzugehen. Bei einem Film, der nicht eindeutig erkennen lässt, ob Regisseur und Co-Autor (Nicolas Winding Refn) selbst eines hatte, wäre dies ohnehin müßig.

Belassen wir es deshalb bei den Fakten: VALHALLA RISING ist ein esoterischer Wikingerfilm, der sich ein, zwei historisch belegte Details schnappt und diese vollkommen frei und fiktiv aufbereitet. Das Ergebnis ist mehr Trip als Film, was angesichts der Inszenierung auch definitiv beabsichtigt war.

Von der Bodenständigkeit, die im eindrucksvollen Trailer herauf beschworen wurde, ist besonders im späteren Verlauf des Film jedenfalls wenig zu merken. Dafür gibt es jede Menge Kompromisslosigkeit, angefangen bei dem Umstand, dass Hauptdarsteller Mads Mikkelsen tatsächlich die gesamte Laufzeit über kein einziges Wort spricht. Dass dies halbwegs glaubhaft und nicht gekünstelt wirkt, ist sowohl dessen schauspielerischer Leistung als auch der Regie zu verdanken, die jedes andere Detail daran orientiert und sich somit vor allzu großen Verfremdungseffekten rettet. An diesen gibt es zwar trotzdem noch genug, bis zu deren Erscheinen hat man sich im Idealfall aber bereits an den eigenwilligen Stil und das generell eher Kurosawa-eske Verhältnis von Sprechtext (in Worten) zu Laufzeit (in Minuten)  gewöhnt.

Das alles klingt sicher sehr interessant, doch soll die Warnung davon nicht übertönt werden. VALHALLA RISING wirft ab einem gewissen Zeitpunkt jegliche Glaubwürdigkeit und jeden Realismus über Bord und konzentriert sich darauf, eine Stimmung zu transportieren, die mit den sperrigsten Szenen von APOKALYPSE NOW vergleichbar ist, ohne natürlich deren Niveau zu erreichen. Das bringt die Gefahr mit sich, den Film als sehr unbefriedigendes Erlebnis zu empfinden.
Auf der anderen Seite ist es eben jene Dreistigkeit, die den Film aus der Masse heraus hebt, und den Zuschauer nach der klug bemessenen (nämlich kurzen) Laufzeit leicht betäubt in die Realität zurück wirft.

Angesichts dieser eigenwilligen Vermengung bleibt undurchdringlich, wie viel Substanz dem Film tatsächlich akkreditiert werden darf. Die Metaphorik, die Nicolas Winding Refn im Audiokommentar beschreibt, könnte mit etwas Finesse sicher demontiert und als Unsinn bezeichnet werden. Man kann sie aber auch akzeptieren und als Legitimation für die drastische Stilistik verwenden. Es fällt jedoch schwer, ein derartiges Urteil zu fällen, solange ein Rest-Zweifel bleibt, ob und wenn ja in welchem Umfang man den Film überhaupt verstanden hat, bzw. verstehen kann.

Gemessen an oben genannten Aspekten ist es wohl nur passend und gerecht, dass VALHALLA RISING das wohl mieseste, irreführendste DVD-Cover (siehe unten) erhalten hat, das man sich vorstellen kann. Geplant war offenbar, möglichst viel potenzielle Käufer mitzunehmen, indem man sich stilistisch dreist an 300 anbiedert. Dass der Film der dadurch geweckten Erwartungshaltung nicht gerecht wird bzw. werden kann, ist die gerechte Strafe für beide Seiten. Nebenbei erwähnt kommt das, was die Abbildung zeigt, nicht einmal ansatzweise im Film vor.

VALHALLA RISING ist entweder ein nihilistisches, sehr minimalistisches Testosteron-Paket für verhinderte Intellektuelle – oder ein stark improvisiertes, bewegtes Gemälde mit reichhaltiger Symbolik. Allein deshalb verdient er eine Erwähnung, und vielleicht sogar eine Chance. Man sollte aber vorsichtig dabei sein »Filmkunst« zu schreien, wenn berauschte, bärtige Männer im Schlamm übereinander herfallen.

Wunderschön, nicht wahr?


TM, 28.08.2010