Wie war das doch gleich mit »schwierig zu rezensieren« (Valhalla Rising)? Ich vergaß, da war ja noch THIRST. Und der hat es auch ziemlich in sich.
Es lässt sich wohl bedenkenlos behaupten, dass man sich auf einen Film wie THIRST nicht vorbereiten kann. Weder mental, noch cineastisch, auch wenn Erfahrung im Umgang mit asiatischem Kino sicher nicht schadet. Trotzdem: Ganz gleich, welche Erwartungshaltung man dem Film entgegenbringt, auf die ein oder andere Weise wird man überrascht, schlichtweg weil Chan-wook Parks neues Werk so viele unterschiedliche Töne anschlägt und so viele Wandlungen erfährt, dass damit gut und gerne drei Filme versorgt wären. Damit ist aber auch bereits genannt, was THIRST zu einem besonderen Film macht und die vielen positiven Kritiken legitimiert.
THIRST ist, das sollten mittlerweile alle mitbekommen haben, kein herkömmlicher Vampirfilm. Er ist Märchen und Milieustudie zugleich, eine Abhandlung über Glaube, Erwartung und Hoffnung, über den Umgang mit Sehnsucht, Hunger und Durst im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Er ist Drama und Horrorfilm, verbindet Gewalt und Sex auf teils erschütternde Weise mit Feingefühl und Poesie, und das in einer Weise, die weitab vom westlichen Stil derartiger Experimente rangiert. Es ist nicht der erste Film, der sich an solche Kombinationen wagt, aber es ist ein Film, der damit so gekonnt jongliert, dass sich partout kein Schwerpunkt heraus kristallisiert und das Werk selbst somit zu einem Rätsel macht, dass jeder Zuschauer für sich ergründen muss. Man kann ihn deshalb auch nicht jenen nachdrücklicher empfehlen, denen die Rache-Trilogie bekannt ist. Weder die »Sympathy«-Filme noch OLD BOY sind – von einigen stilistischen Details abgesehen, mit THIRST vergleichbar. Auch dies kann als Wandlungs- und Reifeprozess des Regisseurs betrachtet werden.
Natürlich ist nicht alles Gold. Beizeiten drängt sich der Eindruck auf, Chan-wook Park wolle es einem unnötig schwer machen. Unter den Wechseln leidet vor allem die Zugänglichkeit, und diese insbesondere im Hinblick auf die Figuren, deren Emotionen und Motivationen – zumindest für westliches Publikum – nicht immer nachvollziehbar sein werden. Auch hat der Film trotz seiner Stimmungswechsel einige Längen. Je mehr die krassen Spurwechsel den emotionalen Zugang einschränken, desto schwieriger wird es auch, sich in manchen Szenen zu verlieren, die eigentlich die Höhepunkte der Geschichte bilden. Erst gegen Ende, als die Geschwindigkeit gedrosselt wird und die Geschichte mit Schrittgeschwindigkeit in den Abspann gleitet, findet der Film in seine emotionale Mitte. Das kann sowohl Absicht als auch glücklicher Zufall sein, in jedem Fall macht das Finale wieder eine Menge verlorenen Boden wett und entlässt den Zuschauer mit einem guten Gefühl und der zurückgewonnenen Überzeugung, dass von diesem Regisseur weiterhin Großes zu erwarten ist.
THIRST verdient keine simple Empfehlung, weil er eine Herausforderung ist. Ob Struktur und Erzählweise für den Zuschauer funktionieren, kann nicht mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit beantwortet werden. Er verdient aber Beachtung und sollte von jedem, der Lust auf etwas Außergewöhnliches verspürt, als potenzieller Sittmacher betrachtet werden.