Case 39.

Die Horrorfilmregisseure unserer Generation sind ein eigenartiger Haufen. Sie scheinen – bis auf wenige Ausnahmen – außerstande oder unwillig zu verstehen, dass es dem Genre nicht an Extremen und Effekten mangelt, sondern an Ideen. Mag sein, dass es nach der langen Dürrephase schwer geworden ist, gegen die Bastarde zu bestehen, die aktuell die Kinos dominieren. Mag sein, dass es mehr einspielt, ein paar Jungdarsteller in fiktiven Quälereien zu demontieren, als eine klassische Gruselgeschichte zu erzählen. Sam Raimi hat es mit DRAG ME TO HELL versucht, dabei aber auch Zugeständnisse gemacht, und die Betonung auf den Trashfaktor gelegt, der derlei Filmen schnell anhaftet.

CASE 39 versuchte nun, einen ernsthafteren Weg zu gehen, und mit René Zellweger als Aushängeschild mehr als nur seine Kosten wieder einzuspielen. Ob Letzteres gelungen ist, darf jeder gerne selbst recherchieren. Für sich genommen ist der Film trotz solider Inszenierung kaum mehr als Trockenfutter – ob man es mit Genuss verzehrt oder missmutig herunter würgt, hängt wesentlich davon ab, wie sehr man Gruseltriller liebt, und wie sehr einen die letzten Jahre ausgehungert haben.

Hauptproblem des Films ist die Vorhersehbarkeit. Das Drehbuch von Ray Wright bewegt sich brav entlang der ausgetretenen Pfade, verwechselt dabei aber Mut zur Bodenständigkeit mit einem Mangel an Inspiration. So kündigt sich beinahe jede Wendung, jeder Todesfall und jeder Schreckmoment im Voraus an, was dem Film nicht nur seiner Energie beraubt, sondern auch gar nicht erst richtige Spannung aufkommen lässt. Zwar ist das Geschehen solide inszeniert und bleibt deshalb nicht gänzlich ohne Wirkung, gemessen an dem, was die einzelnen Szenen zeigen, stellt sich aber zu selten Gänsehaut ein. Zudem verriet der Trailer schon im Vorfeld zu viel, so dass das erste Drittel regelrecht zur Geduldsprobe verkommt.

Regisseur Christian Alvert, der schon mit PANDORUM sehr geschmacksabhängiges Genrekino ablieferte, profitiert hier einmal mehr von der Zuarbeit eines erfahrenen Darstellers, vermag dem Gesamtwerk aber keinen erkennbaren, eigenen Stil zu verpassen. Trotz des handwerklichen Fortschritts, den CASE 39 erkennen lässt, bleibt der junge, deutsche Regisseur weiterhin einen überzeugenden Beweis seiner Kreativität schuldig.

Unterm Strich ist CASE 39 ein Horrorthriller, der bestimmt niemanden begeistern, eingefleischte Genrefans und Laufpublikum aber auch nicht maßlos enttäuschen wird. Nicht gerade das, was das Genre benötigt, aber ausreichend, um einen Abend zu füllen.


TM, 30.08.2010