Shutter Island.

Kaum ein Film der letzten Monate hat mich so wütend gemacht wie SHUTTER ISLAND. Nicht, weil der Film an sich viele Fehler macht (die zweifelsfrei vorhanden sind), sondern weil er wie nur wenig andere verrissen wurde, ohne dies (in diesem Ausmaß) zu verdienen. Wenn man SHUTTER ISLAND demnach etwas vorwerfen kann, dann dass es ihm nicht gelang, sein Publikum zu finden. Dies wäre dann aber eher jenen vorzuwerfen, die im Vorfeld eine gewisse Erwartungshaltung weckten. Auch auf die Gefahr hin, diese Kritik – wie schon die von SPLICE – zu einer unaufgeforderten, polemischen Verteidigungsschrift zu machen, und den Film damit indirekt ebenso zu erniedrigen, möchte ich die relevanten Faktoren einzeln ansprechen.

Das Hauptproblem von SHUTTER ISLAND ist, dass der Film die schlimmsten Fehltritte gleich zu Anfang begeht. Es beginnt schon bei der Anfahrt zu jener Anstalt, die den wichtigsten Schauplatz der Handlung bildet. Während der gefühlt halbstündigen Fahrt spielt die Musik derart dramatisch auf, dass man meinen könne, es handle sich um die Tore zur Hölle. Unnötigerweise versucht man hier, dem Zuschauer ein Gefühl der Bedrohlichkeit zu suggerieren, für das es zu diesem Zeitpunkt keinerlei Anlass gibt. Dass der Soundtrack generell wenig berauschend daherkommt, ist nur einer der Faktoren, mit dem man sich abfinden, mit dem man leben muss.

Das zweitgrößte Problem sind die Traumsequenzen oder Illusionen, mit denen der Protagonist zu kämpfen hat. Hier verfehlen Drehbuch und Regisseur komplett den Ton. Insbesondere Scorsese muss man vorwerfen, dass er an dieser Stelle nicht regulierend eingegriffen hat. Damit wird es dem Zuschauer unnötig erschwert, einen emotionalen Zugang zu der Figur zu finden, ja mehr noch, ein guter Teil der mühsam aufgebauten Stimmung geht verloren und muss über Minuten hinweg wieder aufgebaut werden. Dieser Effekt wiederholt sich einige Male und erfordert entweder viel Offenheit für derartige Stilmittel oder eine Menge Geduld, die man nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht unbedingt mehr mitbringt.

Schlussendlich ist da noch der Charakter des Films an sich, der vielen Probleme bereitet. Es handelt sich – das wird schnell klar – um eine klassische Pulp Geschichte, nur eben auf technisch hohem Niveau erzählt. Nicht anders wurde sie vom Autor der Romanvorlage betrachtet und genau so wurde sie auch bei der Umsetzung zum Drehbuch und schließlich in der Produktion behandelt. Mit dem Genre einher gehen  jedoch die üblichen, erzählerischen Schnitzer und der ein oder andere kleine Logikfehler, die sicher vermeidbar gewesen wären. Auch wirkt die Handlung immer wieder – insbesondere im Umfeld der Traumsequenzen – recht konstruiert.

All dies hatte den Effekt, das SHUTTER ISLAND bei einigen gnadenlos durchfiel. Dies resultierte dann auch in Wertungen, die so niedrig waren, dass man meinen konnte, es handle sich um die größte Gurke seit PLAN 9 FROM OUTER SPACE. Was jene Kritiker dabei ignorieren, ist, dass die Auflösung einige sachliche Fehler und erzählerische Schwächen legitimiert, ja teilweise sogar erklärt. Und, dass der Film auf der Haben-Seite ebenfalls einiges für sich verbuchen kann, dass ihn mühelos von der Konkurrenz dieses Sommers abhebt.

Zum einen sind da die überzeugenden Darsteller. Es gibt wenige große Namen, die mir weniger Reaktion entlocken als Leonardo DiCaprio, doch gerade deshalb muss erwähnt werden, dass seine Leistung in SHUTTER ISLAND in keiner Sekunde Grund zur Beanstandung gibt. Er wird Figur, Thema und Genre absolut gerecht und verleiht seiner Rolle genau die richtige Mischung aus Bodenhaftung und Unbeständigkeit, die die Geschichte benötigt. Auch die übrigen Schauspieler wissen größtenteils zu gefallen, obwohl man bei manchen Figuren erst gegen Ende wirklich verstehen kann, woraus sie ihre Plausibilität beziehen.

Zum anderen ist da der Charme, der dem Genre zu eigen ist. SHUTTER ISLAND ist zweifellos ein altmodischer Film, ein Faktor, den man nebenbei bemerkt ebenso gut als Kritikpunkt aufführen könnte. Er wirkt in vielerlei Hinsicht nicht mehr zeitgemäß, ein wenig altbacken und stellenweise auch naiv. Jedoch muss ich mich mit Nachdruck davon distanzieren, dies als Mangel anzusehen. Die Atmosphäre, die der Film transportieren will, entspricht der eines Groschenromans für Erwachsene, was allein schon durch Genre und Handlung ersichtlich sein sollte und durch die technischen Aspekte nur bekräftigt wird.

Natürlich ist der Film als Vertreter seiner Gattung bis zu einem gewissen Punkt vorhersehbar. Dies reicht aber nie so weit, dass man in knappen Worten artikulieren könnte, wie genau die Lösung des Rätsels aussehen mag. Ziemlich früh im Film wird deutlich, wohin die Reise geht. Das Gefühl, dies erfasst zu haben, nur um am Ende noch einmal (leicht) überrascht zu werden, ist ebenfalls typisch für das Genre und darf dem Film somit ebenso wenig vorzuwerfen wie SHARKS die Strandszenen.

Neben der tollen Kamera und dem guten Licht, die nicht unerwähnt bleiben sollen, bleibt noch ein Detail, das sich schlussendlich als Zünglein an der Waage entpuppt. Das Ende. In einer der letzten Einstellungen des Films, mit dem letzten gesprochenen Satz, gelingt es SHUTTER ISLAND eine berührende Schlussnote zu setzen, die dem Geschehen, all dem bislang erlebten, ein emotionales Gewicht verleiht, einen Nachhall, der noch weit in den Abspann hinein nachklingt. Wer es schafft, sich bis zum Ende Freude am Gezeigten zu bewahren, und nicht dem eingangs erwähnten Sarkasmus zum Opfer zu fallen, erhält zur Belohnung einen Augenblick geschenkt, der in solch tragischer Poesie lang keinen Mainstream-Film mehr schmückte. Gerade deshalb ist es schade, dass SHUTTER ISLAND über seine Laufzeit hinweg so viele Leute verlor, und gerade deshalb verärgert die Plumpheit, mit der sich manche Kritiker den Film zu demontieren versuchen.

Eine der Zuschauerrezensionen auf IMDB bringt genannten Effekt noch besser auf den Punkt:  »There is one line of dialogue, right at the end of Shutter Island before the credits roll, that elevates the emotion of the film and makes it much more powerful.«

Vielleicht lag es am allgemeinen Genöle, dass die Erwartungen im Vorfeld ertränkt hatte, oder dem Umstand, dass ich generell ein Herz für Mystery habe, doch trotz der teils massiven, nicht zu leugnenden Schwächen hat mir SHUTTER ISLAND gut gefallen.

Wer elaborierte Mindgames mag, den Film im Originalton sehen kann, von Spukgeschichten mit Pulp-Charakter nicht abgeschreckt wird, auf Symbolik und Subtext steht und dabei noch offen für ganz simple Tragik bleibt, wird sicher nicht enttäuscht. Dass diese Beschreibung keine große Zielgruppe definiert, sollte ebenso klar sein, wie dass ein Film wie dieser nicht dazu gedacht ist, gefällig zu sein.


TM, 31.08.2010