Public Enemy No.1 (Mordinstinkt / Todestrieb)

Gewöhnlich scheinen deutsche Verleihfirmen bereits mit der Übersetzung eines simplen Titels heillos überfordert. Beispiele dafür, welch krude Ergebnisse daraus resultieren können, kennt wohl jeder zu Genüge. Besonders kompliziert bzw. perfide wird es allerdings, wenn ein Zweiteiler veröffentlicht wird, dessen Titel nur eine Gemeinsamkeit zeigen: Den Namen einer Person, die heute kaum einer mehr kennt. Also macht man aus »Mesrine: Public Enemy # 1« und »Mesrine: Killer Instinct« kurzerhand »Public Enemy No. 1: Mordinstinkt« und »Public Enemy No. 1: Todestrieb«, wobei letzterer dem deutschen Titel der Autobiografie entspricht, was sicher kein Zufall ist.

Glücklicherweise geriet der Film, der das Leben des berühmten Kriminellen und legendären Ausbrechers Jaques Mesrine beschreibt, deutlich verständlicher bzw. geradliniger. Zu geradlinig, möchte man meinen, denn der Film leidet unter dem selben Problem wie das Buch: Die Etappen eines Lebens lassen sich nicht ohne weiteres zu einer effektiven Erzählung verbinden.

Die Problematik ist folgende:

Es ist immer spannend, einen charismatischen Verbrecher durch sein Leben zu begleiten. Besonders wenn man ab und an einen Blick hinter die gelassene Fassade werfen und für einen Augenblick erkennen kann, was hinter der Maske des selbstbewussten Lebemanns lauert. Doch vermag ein Buch, und eben auch ein Film, eine Persönlichkeit nicht in all ihren Facetten zu porträtieren. So bleibt der Blick zwangsläufig eingeengt, das Verständnis auf den Kontext reduziert, der durch die simple Abfolge der gezeigten Taten und Erlebnisse entsteht.

Die Verfilmung von Jean-François Richet hat den Anstand, mit einem entsprechenden Hinweis zu eröffnen. Gleichzeitig wird auch erklärt, dass nicht nur weggelassen, sondern auch hinzugefügt wurde, und zwar in Form fiktiver Momente, die das vermitteln sollen, was Realität und Buch in der zeigbaren Form nicht vermögen. Ein löblicher Ansatz, der sich in der Praxis aber schwierig gestaltet. Das Ergebnis ist ein durchaus spannender, episodenhaft strukturierter Film, der jedoch neben tieferen Einsichten auch einen roten Faden vermissen lässt.

Aus dieser Problematik lässt sich ein weiterer Aspekt ableiten, der auch die Romanvorlage charakterisierte. Solange der Filter eines Mediums und eines – im Falle der Verfilmung sogar zweier – Erzählers zwischen dem Leser/Zuschauer und einer möglichen Erkenntnis steht, und Letzterer beeinflusst, was überhaupt besprochen wird, lässt sich kaum eine Einsicht gewinnen, die tiefer wäre als der Eindruck, den man bekommt, wenn man einen Menschen einen Abend lang begleitet. Hier muss der Film zwangsläufig enttäuschen, auch wenn er sich redlich bemüht, nah an der Figur zu bleiben, ohne dabei die Distanz zu verlieren.

Der beste Grund, sich die insgesamt mehr als 4 Stunden trotzdem anzusehen, hat ebenfalls einen Namen. Vincent Cassel, der Mesrine in beiden Teilen spielt, gibt hier womöglich die Performance seiner Karriere zum Besten. Allein die äußerlichen Veränderungen, die er durchmacht, die Masken die er trägt und die Wesenszüge, die er darstellt, machen MESRINE zu einem Erlebnis und tragen wesentlich dazu bei, dass man sich selten zu langweilen beginnt. Zusammen mit ein paar Gastauftritten, allen voran Gérard Depardieu, Elena Anaya und Mathieu Amalric, wird aus dem an sich trockenen Biopic doch noch ein saftiger Gangsterfilm mit diversen intensiven Momenten.

Natürlich ließen sich die beiden Teile noch eingehender einzeln besprechen, vor allem da sie sich in ihren inhaltlichen Schwerpunkten durchaus unterscheiden. Doch sind sie, wie schon der Vorspann ahnen lässt, als großes Ganzes gedacht, und wer vom ersten Teil nicht massiv enttäuscht ist, wird sich bestimmt nicht bitten lassen, dem zweiten eine Chance zu geben, was eine Trennung der Rezensionen unsinnig macht.

Wer sich ernsthaft für die Person Jaques Mesrine interessiert, dem sei dennoch in erster Linie das Buch empfohlen. In einer Geschichte, in der das Interessanteste nie offen angesprochen wird, ist die Stimme dessen, der sie direkt erlebt hat, unentbehrlich.


TM, 01.09.2010