Book of Eli.

Lasst uns etwas über Subtext reden. Dass BOOK OF ELI vordergründig ein recht gefälliger, zeitgemäß düsterer und von Farbfiltern gepeinigter Endzeit-Actioner ist, der viel von seiner Stilistik bei Genregrößen wie MAD MAX und Co abgeschaut hat, sollte allgemein Konsens sein. Dass die Besetzung der Nebenrollen mit Darstellern wie Gary Oldman, Tom Waits und Ray Stevenson höchst erfreulich ist, während Denzel Washington als Protagonist etwas zu blass bleibt (Ironie nicht beabsichtigt), ebenso. Während erstere mehr aus ihren Rollen machen, als das Drehbuch eigentlich her gibt, wankt letzterer charakter-, profil- und ausdrucksfrei durch die Einöde. Das mag in dieser speziellen Geschichte volle Absicht sein, ist aber trotzdem unbefriedigend, und sorgt wesentlich dafür, dass die Tristesse des öfteren in Langeweile kippt.

Aber wie schon gesagt, dass alles liegt auf der Hand. Was den Film interessant macht, ist die Botschaft, die hinter dem massentauglichen Gepolter steht. Und die ist, mit Verlaub, bedenklich. Da eine ebenso eloquente wie kohärente Analyse Seiten füllen würde, soll an dieser Stelle nur auf einige Details eingegangen werden. Um diese konkret benennen zu können, muss an dieser Stelle eine nachdrückliche SPOILER-Warnung stehen. Wer auch nur ansatzweise plant, den Film irgendwann noch zu sehen, soll sich im Klaren sein, dass die nachfolgenden Zeilen jede Freude und Überraschung killen werden.

Legen wir los.

Zuerst die Prämisse: Ein schweigsamer Krieger schleppt nach einer Vision die vermeintlich letzte Bibel des Planeten quer durchs atomzerbombte Amerika. Dass es sich um die Bibel handelt, war und ist kein Geheimnis und dient natürlich als Grundlage der folgenden Gedanken. Was an dieser Stelle als Randnotiz aufgeführt sein soll: Die Vision dieses Kriegers bekommt der Zuschauer nicht zu sehen. Dies ist eines der vielen Elemente, die für sich genommen vollkommen plausibel und erzählerisch legitim sind, in Kombination mit den anderen Aspekten aber einen komischen Beigeschmack erhalten.

Das der »blinde Gehorsam«, der dem Zuschauer auf diese Weise und in doppeltem Sinne vermittelt wird, sogar wörtlich zu nehmen ist, hebt sich das Drehbuch natürlich für den Schluss auf.  Der Protagonist ist nämlich blind. Über diesem großen Aha-Effekt könnte man fast vergessen, wie unglaubwürdig viele Teile der Geschichte dadurch werden. Natürlich versucht das Drehbuch, die Enthüllung zu legitimieren. Plötzlich wird klar, warum der Protagonist nie seine Sonnenbrille absetzte, und warum er niemand seine Bibel sehen lassen wollte, die nämlich eine Ausgabe in Blindenschrift ist. Trotzdem sollte nicht unerwähnt bleiben, dass er auf diese Weise endgültig zu einem heiligen Überkrieger verkommt, einem Superjedi, was seine Position als »Auserwählter«, bekanntermaßen ein zutiefst religiöses Motiv, betoniert.

Dieser blinde Kriegerprophet schleppt also eine Bibel durch Amerika, nach WESTEN, wohlgemerkt, wie er nicht müde wird, zu betonen. Auf dem Weg trifft er einen manipulativen, skrupellosen Gangsterboss, der sich zum Herren einer Stadt aufgeschwunden hat, und der manisch nach der Bibel sucht, da sie in seinen Augen eine Waffe darstellt, mit der sich die Massen mobilisieren und zu allem bewegen lassen, was ihnen ein Normalsterblicher niemals erfolgreich abverlangen könnte.

Dieser Gangsterboss scheitert natürlich in seinem Vorhaben, und nach einer mainstreamigen Krawallorgie, in der nicht wenige das Zeitliche segnen, liefert der Krieger seine Bibel (in leicht veränderter Form) auf einer Insel ab, auf der ein Kollektiv haust, das sich dem Erhalt des kulturellen Erbes der untergegangenen Zivilisation verschrieben hat. Dieses Kollektiv beginnt dann auch umgehend, die Bibel, rekonstruiert aus den Erinnerungen des Wanderers, neu aufzulegen.

Diese letzten 10 Minuten des Films sind nun, worauf ich am deutlichsten hinweisen möchte. Die haben es nämlich in sich.

Zum einen ist da der Grundargwohn. Ich will nicht behaupten, dass es allgemein so ist, doch ein beliebter rhetorischer Trick von Anwerbern jeder Couleur ist es, auf Kritikpunkte einzugehen, deren Richtigkeit bis zu einem gewissen Grad einzuräumen und dann, nachdem man sich das Vertrauen seines Gesprächspartner und den Status eines rational denkenden Menschen ergattert hat, darauf überzuleiten wie und warum man (der Anwerber bzw. wofür er einsteht) nun anders und viel besser sei, und warum die Kritiker ja nur nicht sehen, wie gut und sinnvoll die Sache ja eigentlich ist, für die man einsteht. Simpler Trick, doch durchaus effektiv.

Genau solch eine Konstellation findet sich hier. Die Geschichte, die hier als Anwerber zu sehen ist, räumt ein, dass es Menschen gibt (der Gangsterboss), die ein Buch wie die Bibel für ihre niederen, schlimmen Zwecke missbrauchen könnten und würden. Damit wird demonstriert, dass man sich der Gefahren religiös fundierter Macht bewusst ist. Im selben Gespräch, also der gleichen Geschichte, wird dann aber demonstriert, dass ein wahrer Gläubiger die Bibel zu jenen bringt, die sie für hehre Ziele verwenden. In diesem Fall bedeutet dies, die Bibel jedem zugänglich zu machen, also sie frei unter dem verbliebene Volk zu verteilen. Das ist übrigens das Happy End des Films: Alle werden eine Bibel bekommen. Man sieht sogar in einer der letzten Einstellungen, wie die Bibel in der neu gebauten Druckpresse vom Band rollt. Toll, nicht wahr? Fehlen nur die Konfetti werfenden Fundamentalisten.

Interessant dabei ist, dass sogar erwähnt wird, dass sämtliche anderen Exemplare nach dem Krieg vernichtet wurden. Zu dem Zeitpunkt, wo dies erwähnt wird, klingt es wie eine Legitimation des MacGuffin, den die Bibel erzählerisch darstellt. Man darf sich aber auch fragen, ob das in jener Wirklichkeit vielleicht seinen Grund hatte. Denn über die Ereignisse und Faktoren, die letztlich zum Atomkrieg führten, schweigt sich der Film beharrlich aus. Man darf wohl  sagen: Wenn die Menschheit nach einem Krieg, der die Welt an den Rand ihrer Bewohnbarkeit brachte, so verbissen nach Bibeln suchte, dass tatsächlich alle erreichbaren Exemplare vernichtet wurden – dann hatten diese Leute wahrscheinlich eine verdammt gute Motivation dafür.

Ich mag mir nicht verkneifen, auf die Ironie hinzuweisen, dass es ausgerechnet Malcolm McDowell ist, der das Kollektiv anführt. Ausgerechnet der Mann, der in vielen Filmen seiner Karriere einen Bösewicht, Finsterling oder Psychopaten spielte, leitet die Enklave, welche die Bibel wieder in die Welt bringt. Entweder jemand hatte hier Sinn für Humor, oder es ist jenen, die hinter dem religiös-verklärten Ende stehen, einfach nicht aufgefallen.

Auch dass Amerika mal wieder synonym für die gesamte Welt steht, muss wohl nur am Rande erwähnt werden. Was mit den anderen Ländern und Kontinenten des Planeten passiert ist, interessiert ebenso wenig wie die menschenverachtende Einstellung des Kriegers und seiner Retter. Aber Gewalt, damit hat das Publikum ja kein Problem, solange Gut und Böse klar definiert sind. In diesem Kontext ließe sich auch darüber streiten, wie »nihilistisch« dieser Endzeit-Streifen tatsächlich ist. In einer Welt, in der sich jeder der Nächste ist, sind es doch wieder nur die Degenerierten und Verdorbenen, die Böses tun. Der Rest ist entweder Held, Opfer oder gesichtslose Masse. Gerade mal in einer Szene darf der Protagonist durch unterlassene Hilfeleistung negativ auffallen, ansonsten ist er so höflich und genügsam wie ein Mönch. Womit wir auch bei der Bezeichnung wären, die Washingtons Figur tatsächlich verdient.

Abschließend möchte ich betonen: Ich halte mich nicht für besonders clever, diese Faktoren erkannt und auf obige Weise ausgelegt zu haben. Sie sind für jeden frei ersichtlich. Ich möchte auch keinesfalls wie ein Verschwörungstheoretiker klingen. Jeder Aspekt ist für sich genommen unbedenklich. Doch deren Kombination befremdet. Auch wenn man sich mehr vor dem ängstigen sollte, das man NICHT bemerkt, kann man doch einen faden Beigeschmack verspüren, wenn solche Konnotationen so nah unter der Oberfläche treiben.

Auf den allerersten Blick unterscheidet sich BOOK OF ELI oft nicht von seinen Genrekollegen. Nur sitzt der Teufel bekanntlich im Detail, und allein der Vergleich mit den Urvätern neuzeitlicher Endzeit zeigt, wo hier lediglich Form und Etikette gewahrt wurden. Es spricht nichts dagegen, einen Film über Religion zu machen, oder einer Geschichte einen religiösen Beiklang zu verpassen (siehe SIGNS), wenn dies im Sinne des Themas steht. Auch kaschiert BOOK OF ELI seine religiösen Tendenzen nicht, wie man schon an den Poster-Sprüchen »Deliver US« und »Religion is power« erkennen kann. Doch ist es immer noch die Frage nach dem »Wie?«, bei der sich die falschen Fuffziger als solche entpuppen.

Die Frage, welche man sich bei LEGION im Scherze stellen mag, wird bei BOOK OF ELI somit bitterer Ernst: Wer hat diesen Film finanziert? Waren sich die Investoren dessen bewusst, um was für ein religiös verklärtes Machwerk es sich handelt? BOOK OF ELI grenzt trotz – oder wie man so sagt, gerade – wegen seiner Unterhaltungswerte an Propaganda, und diese wirft bei einem solch eklatanten Mangel an Zwischentönen und ehrlicher Selbstreflektion einen Schatten, aus dem der Film nicht mehr heraus kommt. Denn das scheinen die neuen, alten Helden zu sein: Skrupellose Krieger, die haufenweise Ungläubige in den Staub schicken, selbst jedoch keine Laster haben und keine zwei Meter weit denken, was die Schicksale der Menschen betrifft, die sie in seinem Fahrwasser zurücklassen. Dann sollten künftig auch Videospiele unbedenklich sein, solange das Inventar eine Bibel enthält.

BOOK OF ELI ist durchaus unterhaltsam. Bemerkenswert ist jedoch nur, wie fragwürdig er ist. Und dementsprechend lautet auch das wohlverdiente Prädikat: bedenklich.


TM, 02.09.2010