Ungeachtet meiner Bewunderung für Takeshi Kitano möchte ich bei dieser Kritik tun, was ihm bei seinem neuen Gangster-Epos offenbar schwer fiel: Ich fasse mich kurz. Deshalb springen wir sogleich zur Kernaussage: Für sich genommen kann OUTRAGE nicht bestehen, ja nicht einmal gut unterhalten. Kitano treibt hier zwar Stil und Elemente seiner Yakuza-Filme mit gnadenloser Konsequenz auf die Spitze, verliert dabei aber zu viel an Zugänglichkeit und Unterhaltungswert. So porträtiert der wortkarge Thriller das bekannte, von Hierarchien und Verrat geprägte organisierte Verbrechen sowie die Korruption der Behörden mit spröder Brutalität und manischem Minimalismus, ohne diese mehr als unbedingt nötig an erzählerischen Prinzipien zu orientieren.
Erstaunlich dabei ist, wie abgedroschen sich das Ergebnis anfühlt. Ohne den comic relief eines BROTHER oder den verträumten Surrealismus eines SONATINE bleibt nur noch das enge Korsett aus Pflicht, Ehre, Tradition und Kultur, das man anderswo vielleicht nicht in dieser Konzentration geboten bekommt, mit dem der aufgeklärte Filmfan aber in weiten Teilen bereits vertraut sein dürfte. Gemeinsam mit der Laufzeit von 110 Minuten wirkt das Resultat so ermüdend und unnötig wie ein Haiku mit 500 Zeilen.
Wer nach Vergleichen sucht, wird durchaus bei Kitano selbst fündig. Der berühmt-berüchtigte 1989er VIOLENT COP ist im Hinblick auf seine humorbefreite Kompromisslosigkeit noch am ehesten als Bruder im Geiste zu sehen. Selbst dieser bot aber mehr intellektuelle und emotionale Fixpunkte. OUTRAGE hingegen schafft es nur, die Gewalt nicht cool und die Gangsterwelt beklemmend wirken zu lassen. Selbst für Fans von Kitano kann OUTRAGE somit schwer verdaulich sein.
Der Blick auf Kitanos cineastisches Schaffen führt jedoch unweigerlich zu einer diametralen Aussage: Im Kontext seiner Filmografie hat OUTRAGE nämlich durchaus seine Daseinsberechtigung. Denn Kitano tut hier nicht weniger, als dem Ruf seiner vielen Fans zu folgen, die nach dem gewöhnungsbedürftigen TAKESHIS und dem enorm sperrigen ALL GLORY TO THE FILMMAKER lautstark nach einem neuen, waschechten Gangsterfilm verlangten. Den haben wir nun bekommen, nur um zu begreifen, dass die potenziellen Werke, die Kitano uns »vorenthalten« hat, wohl nicht mehr zu bieten gehabt hätten als die Filme, mit denen er sich die letzten Jahre statt dessen beschäftigte. Denn eine Weiterentwicklung des Kitano-Gangsterfilms ist, wie OUTRAGE eindrucksvoll beweist, nur noch auf Kosten des Zuschauers möglich.
Setzen wir also einen Haken hinter OUTRAGE und hoffen darauf, dass als nächstes wieder Kunst und etwas Poesie auf der Agenda stehen. Dafür schauen wir uns dann auch gerne wieder die naiven Filzstiftgemälde an, mit denen Kitano beispielsweise seinen kongenialen HANA-BI durchsetzte.
Hinterher ist man immer schlauer.