Crazy Heart

Wenn ich eine Wagenladung Oscars hätte, würde ich bei Jeff Bridges vorbeifahren und sie ihm als Zeichen meiner Wertschätzung in die Einfahrt kippen. Okay, das ist gelogen. Ich würde die Goldbeschichtung abkratzen und davon schön in Urlaub fahren. Den kümmerlichen Rest würde ich meiner ehemaligen Biologielehrerin in die Einfahrt kippen. Aber ihr versteht schon, was ich meine. Bridges ist ein wundervoller Schauspieler, der sich seine große Beliebtheit redlich verdient hat, und es freut zu wissen, dass er mit bzw. für CRAZY HEART endlich die auch wohlverdiente Anerkennung erhielt, die ihm jeder Filmfan schon seit Jahren zugestehen würde. Schade nur, dass er sie ausgerechnet für CRAZY HEART bekam.

Bitte nicht falsch verstehen: Bridges Spiel ist wundervoll und bietet zu keiner Sekunde Anlass zur Kritik. Der Film selbst erschien mir jedoch, trotz all seiner Qualitäten, als entbehrlich. Die Geschichte eines gealterten Country-Musikers, dessen Flucht vor sich selbst und seiner Suche nach Glück wird anrührend erzählt und inszeniert und wirkt dabei immer authentisch. Doch gab es gerade in den letzten Jahren nicht wenige Filme, die ähnliches leisteten. Als – wenn man so will – Mischung aus I WALK THE LINE und THE WRESTLER, hat CRAZY HEART durchaus seine Daseinsberechtigung. Er riss mich nur nicht von den Füßen.

Ein Grund mag sein, dass man schon weiß, wie solche Geschichten verlaufen, wenn Hollywood sie erzählt. Man kennt die Wegpunkte, man sieht das Scheitern nahen. Glücksmomente und Fehltritte reihen sich mit einer Unvermeidbarkeit aneinander, die zwangsläufig zu Vorhersehbarkeit führt, auch wenn die Momente selbst (sowie deren Abfolge) glaubwürdig und anrührend wirken. Die Berechenbarkeit, die als fortwährendes Brummen unter den tollen Musikeinlagen lauert, nimmt dem Film die Möglichkeit, einen tatsächlichen und nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Das soll nicht heißen, dass das verhalten optimistische Ende nicht erfreut. Dennoch bekommt man das  Gefühl, dass sich CRAZY HEART ein wenig zu gut in die Reihe der Oscar-Nominierungen der letzten Jahre fügt. Und das schließt deutlich kompromisslosere Werke wie MILLION DOLLAR BABY mit ein. Auch dort griffen warme Momente und Niederlagen mit der Präzision eines Uhrwerks ineinander.

CRAZY HEART erhielt zwei Oscars:  Einen für den besten Hauptdarsteller, einen für die beste Musik, sowie eine Nominierung für Maggie Gyllenhaal als beste Nebendarstellerin. So kritisch man die Preisträger auch manchmal sehen mag, sind dies die besten Gründe, sich den Film anzusehen. Der Rest sollte besser den Vorlieben entsprechen.


TM, 29.03.2011