A Serious Man

Das wird jetzt ein wenig weh tun. Vor allem meiner Reputation. Und meiner Überzeugung, ein Coen-Fan zu sein. Denn A SERIOUS MAN läuft in meinem Kino der emotional behafteten Kalauer unter dem Titel »A TEDIOUS FILM«. Es ist nicht leicht, darüber zu schreiben, was mir gefiel – denn davon gab es wenig. Nähern wir uns dem Film deshalb von einer anderen Seite. Beginnen wir auf einem Allgemeinplatz.

Zu den seltenen und eher fragwürdigen Freuden eines Filmfans gehört, sich mit Oscarnominierten anzulegen. Das kann viel Ärger mit sich bringen, besonders wenn es sich dabei um einen Kandidaten wie die Coen-Brüder handelt, die nicht nur – und vollkommen zu Recht – Kultstatus genießen, sondern bei den Academy Awards auch regelmäßig leer ausgehen. Dies mag nicht verwundern, wenn man die Kompromisslosigkeit bedenkt, mit der sie ihre Themen und Geschichten wählen. Dennoch schmerzt es mich als überzeugten Anhänger ihrer Werke, diesmal aus voller Überzeugung zu verkünden, dass A SERIOUS MAN mein Rohrkrepierer des Quartals war.

Mehr noch: Bei allen darstellerischen Qualitäten und humorvollen Details bleibt doch der Eindruck zurück, eine Art »gewaltfreien Folterfilm« gesehen zu haben. Denn das ganz alltägliche Grauen, die Grausamkeit einer Gesellschaft, in der hinter der zivilisierten Fassade, unter Höflichkeit, Anstand und Empathie, immer noch das Recht des Stärkeren gilt, ist das zentrale Thema dieser Neuinterpretation der Geschichte Hiobs. Dieses Thema wird gnadenlos und – was mich betrifft – weit über die Grenze des Erträglichen hinaus zelebriert, und hat in mir emotionale Reaktionen geweckt, die sich nicht allzu sehr von denen unterscheiden, die mich von der Sichtung Torture Porn affiner Horrorfilme abhalten.

Es wäre gar nicht mal schwer, dies positiv zu werten. Als Stärke des Films ausgelegt, könnte diese Kritik mit einem respektvollen Fazit beschlossen werden. Es ist jedoch meine Überzeugung, dass die Leistung eines Films nicht allein darin bestehen darf, die Komfortzone des Zuschauers zu infiltrieren. Was für den Schmutz gilt, der aktuell den blutgierigen Pöbel in die Kinosäle zieht, muss auch beim Programmkino Anwendung finden dürfen. Und hier versagt A SERIOUS MAN für mich kläglich.

Nun ist die Idiotie des modernen Menschen, die geistigen Beschränkungen, die sich in unserer Gesellschaft eingenistet haben, kein neues Thema für die Coen-Brüder. Man darf sogar behaupten, dass der Großteil ihrer Filme diese Absurditäten thematisiert. Sie ziehen sich von FARGO über THE MAN WHO WASN‘T THERE bis hin zu BURN AFTER READING und sind in beinahe allen anderen Werken zumindest am Rande präsent. Jene Werke vermochten aber in der Regel, diese Aspekte in eine Handlung zu integrieren, die ansatzweise interessant war oder wenigstens ein paar Höhepunkte aufzuweisen hatte.

Diesmal aber nahm sich das Geschwisterpaar das Buch Hiob zur Brust, nicht gerade eines der besten Werke des weltbekannten Autorenkollektivs »Die Bibel«, und meine Güte, man braucht schon die Leidensfähigkeit eines Heiligen, um nicht lautstark mit den Zähnen zu knirschen, wenn der brave Familienvater und Mathematikprofessor Lawrence ‚Larry‘ Gopnik (Michael Stuhlbarg) eine Erniedrigung nach der anderen über sich ergehen lässt und dabei mehr taktische Fehler macht als ein angetrunkener Marineoffizier bei der Aufstellung einer intergalaktischen Handelsflotte.

Die Demütigungen reichen so weit, dass man bald nicht mehr die Quälenden ohrfeigen möchte, sondern den Gequälten, der den Irrsinn mit einer Mischung aus Verwirrung, Rat- und Hilflosigkeit sowie wachsender Verzweiflung erduldet. Letztere ist dabei das Einzige, was ihn menschlich erscheinen lässt, während er durch die von echten Höhepunkten beraubte Geschichte treibt, weil man sich wenigstens sporadisch fragt, wie man selbst angesichts solcher Vermessenheit reagiert hätte.

Man merkt, woran es hakt: Ich konnte die Geschichte nicht leiden. Kein Stück. Ich gehe sogar so weit zu erwähnen, mich vom Drehbuch um ein Ende betrogen zu fühlen, auch wenn mir bereits erklärt wurde, warum es innerhalb dieser Geschichte stimmig war. Man mag die Schuld dafür auf einen oder mehrere namenlose Mönche zurückführen, die Coens haben deren Arbeit jedoch für sich ausgewählt und für ein detailverliebtes Diorama der jüdischen Mittelschicht im Amerika der 60er Jahre verwendet. Das wiederum mag die Porträtierten und ganz besonders Aufgeschlossenen interessieren, man sollte sich jedoch gut überlegen, ob man erwartet, davon emotional abgeholt zu werden. Daran sollte auch der Konsens der im allgemeinen eher positiven Kritiken wenig ändern.

Abschließend kann ich nur anmerken: Schlauberger, die nun meinen, ein Film, der Reaktionen bei seinen Zuschauern provoziere wie diese Kritik, habe doch alles richtig gemacht, sollten eines bedenken: Die Frage, was ich angesichts solcher Provokationen und Unverschämtheiten gemacht hätte, wurde mehr als einmal mit einem überzeugten »Ihnen an die Gurgel springen« beantwortet.

Dem Rest empfehle ich, A SERIOUS MAN einfach zu überspringen und nahtlos zu TRUE GRIT überzugehen. Der ist zwar auch nur ein Remake, und nicht bei jedermann beliebt, bietet aber echte Männer, die Beleidigungen mit Blei beantwortet. Hoffe ich zumindest.


TM, 09.04.2011