Achilles and the Tortoise

Takeshi Kitano hat viele Gesichter. Die Einen kennen (und lieben) ihn für seine schnörkellosen Thriller (VIOLENT COP, BROTHER, OUTRAGE), die Anderen eher für seine poetisch-grausamen Werke (SONATINE, HANA BI, BOILING POINT). Wer sich Fan schimpft, schreckt auch nicht vor den ganz ruhigen (KIKUJIROS SOMMER, DOLLS) oder den eher unbekannten Arbeiten (TAKESHIS, ALL GLORY TO THE FILMMAKER) zurück. Und selbst das klammert noch einiges aus (ZATOICHI) und verdrängt anderes (TAKESHIS CASTLE, GETTING ANY?, diverse weniger glückliche Auftritte als Beat Takeshi, etc.), teilweise gnädig. Kitano ist Regisseur, Schauspieler, Autor, Künstler, ein exzentrisches Multitalent mit einem einzigartigen Stil und Humor.

Man könnte also einfach fragen: Wie kann man Kitano NICHT lieben? Die Antwort ist relativ einfach und zugleich die Erklärung für diese sehr allgemeine, sehr ausufernde Einleitung: Weil er es einem in den letzten Jahren nicht gerade leicht gemacht hat. Seine letzten, eher künstlerischen Filme vor OUTRAGE, zum einen der schwer zugängliche TAKESHIS, zum anderen der vollkommen abstruse ALL GLORY TO THE FILMMAKER, waren schwere Brocken, an denen man selbst als Fan gut zu kauen hatte. Umso skeptischer durfte man vor dem dritten Teil dieser inoffiziellen Reihe, ACHILLES AND THE TORTOISE, sein.

Was nun folgt, ist weniger eine ernsthafte Rezension als ein Lobgesang. ACHILLES AND THE TORTOISE hat mich in allen Aspekten überrascht. Er ist zugänglicher als die letzten beiden Filme über Schauspielerei und das Filmemachen, und trifft auch eine klare, emotional wie intellektuell nachvollziehbare Aussage. Vor allem aber besticht er dadurch, trotz unterschiedlichster Nuancen und mehrerer Zeitsprünge immer stimmig und stimmungsvoll zu bleiben. Die einzelnen Szenen rangieren von humorvoll bis bizarr, von anrührend bis verstörend. Die wenigen Brüche in diesem durchweg homogenen Werk sind in der Geschichte selbst zu finden und zum einen durch diese berechtigt, zum anderen immer nachvollziehbar.

Im Wesentlichen erzählt der Film das Leben eines erfolglosen, fraglich talentierten Malers, und stellt dabei offen alles in Frage, was im weiteren Sinne mit Kunst zu tun hat. Genügt es, sich zur Kunst berufen zu fühlen, um etwas von Wert zu schaffen? Führt Beharrlichkeit irgendwann automatisch zu Qualität? Lässt sich Talent durch harte Arbeit ersetzen? Was ist Talent überhaupt, und wie kann man dieses erkennen? Sind es die Kunsthändler, die Qualität nur danach beurteilen, ob sie ein Bild verkaufen können? Die jederzeit bereit sind, einem Werk Bedeutung bei zu lügen, wenn sie einen Käufer finden, dessen Geschmack beeinflussbar und Naivität groß genug ist, und die den Künstler betrügen, wo sie können? Oder sind es die Mäzen und Familienangehörigen, die vor Stolz und Zuneigung blind für eine realistische Einschätzung werden? Was zählt die Meinung anderer Künstler, ab wann ist alles Kunst, und welche Rolle spielt Kunst für den Mann am Imbissstand? Welchen Wert hat es, an seinem Traum festzuhalten, diesen ohne Rücksicht von Kindheit bis ins hohe Alter zu verfolgen? Wohin muss eine solche Reise führen, welche Rolle spielt die Qualität der Werke für eine Bewertung dieser Hartnäckigkeit, und umgekehrt? Und ab welchem Punkt wird Willensstärke zur Manie, die sich unter keinen Umständen mehr rechtfertigen lässt?

All diesen Fragen stellt sich Kitano, und zeigt den Lebensweg seines Protagonisten von der tragischen Kindheit, die doch voller Magie steckt, über die kraftvolle Orientierungslosigkeit der Jugend, bis hin zum hohen Alter, indem der tiefe Glauben an die Kunst längst von Bitterkeit und der Verbissenheit des Alters infiziert wurde. Dabei geht Kitano, der sämtliche Werke in diesem Film selbst gemalt hat, mit seinem Alter Ego ebenso gnadenlos ins Gericht wie mit der Kunstwelt an sich, seien es eitle Galeristen oder manische Künstlerkollegen. Es ist kein Film über ein verkanntes Talent, das sein Glück sucht und sich in der Manier westlicher Erfolgsgeschichten allen Widrigkeiten zum Trotz seinen Weg zum Erfolg bahnt. Es ist ein Film über Hingabe, Willen, Trotz, Beharrlichkeit und all die guten und schlechten Dinge und Erfahrungen, die diese Eigenschaften und Charakterzüge mit sich bringen. Und was noch viel wichtiger ist: Es ist ein ruhiger Film, der zwar eine klare Position  bezieht, seinen Zuschauern aber keine Stimmungen aufzwingt, sondern diesen erlaubt, selbst zu entscheiden, was noch komisch und was bereits erschreckend ist, und was man in einer konkreten Szene empfinden möchte. Lange ist ein kopfschüttelndes Schmunzeln nicht mehr so effektiv in sein Gegenteil verkehrt worden wie hier. Gerade wegen Kitanos stoischer Art, seiner vermeintlichen Gefühlskälte, ist ACHILLES AND THE TORTOISE wohl der ehrlichste Film, der je über Kunst gemacht wurde. Was Kitano zu sagen hat, hat universelle Gültigkeit. Das macht seinen Film zu Pflichtprogramm für jeden, der sich für oben genannte Fragen auch nur ansatzweise interessiert, denn der Protagonist könnte ebenso Musiker, Dichter, Bildhauer oder Schriftsteller sein.

Einzig das Ende wirkt etwas gewollt und somit unglaubwürdig, was sicher der gewünschten, abschließenden Botschaft des Films geschuldet ist. So begrüßenswert die Aussage für sich genommen auch sein mag, hätte sie mehr Zeit bzw. Vorbereitung gebracht. Man darf – minimaler Spoiler – sogar soweit gehen, einen generellen Mangel an Verständnis für Frauen darin zu sehen, was sich mit dem nicht zu leugnenden Problem Kitanos deckt, starke (und vor allem glaubwürdige) weibliche Figuren zu schaffen. Das ist ein Vorwurf, der sich angesichts seines Gesamtwerkes aufdrängt, und in dessen Kontext auch zwangsweise verziehen werden muss, hier aber störend auffällt, wenn man etwas mehr auf die Nebenfiguren achtet, als es die Handlung vorsieht. Etwas weniger Klischee und klassisches Rollenverständnis wäre eine interessante Dreingabe gewesen, Herrenkino und kulturelle Unterschiede hin oder her.

Wer diesen Artikel allen Ernstes durchgestanden hat, verträgt nun auch ein sehr persönliches Fazit.

Der Punkt ist, dass Kitanos Film unterm Strich für jene gedacht ist, die sich direkt oder indirekt von oben genannten Fragen betroffen sehen. Menschen, die künstlerisches Schaffen schätzen, dieses – und damit gegebenenfalls auch das eigene – jedoch kritisch bewerten und allergisch auf verklärte Sichtweisen reagieren. Es ist ein Film für Menschen, die Kunst gleichermaßen lieben und hassen, und an der Unterscheidung von Ehrlichkeit, Objektivität und Neurose verzweifeln.

Anders gesagt: Ich bewundere – und teile – den Schaffensdrang, der vielen Menschen innewohnt. Ich bin allerdings der Meinung, dass sich dieser an seinen Ergebnissen, und an der Art, wie er gelebt wird, messen lassen muss. Ich zweifle an, das Schaffen eo ipso Wert besitzt, und bin davon überzeugt, dass es eine gewisse Kompromisslosigkeit, eine gnadenlose Ehrlichkeit sich selbst und seiner Arbeit gegenüber braucht, um über bloße Spielerei hinaus zu wachsen.

Jedes Werte- und Bewertungssystem lässt sich in Frage stellen.
Jede Form von Kreativität kategorisch wundervoll zu finden, ist jedoch keine Lösung.
Diesen Standpunkt sehe ich in ACHILLES AND THE TORTOISE eindrucksvoll repräsentiert. Für mich (deshalb) nicht weniger als ein Meisterwerk.


TM, 19.04.2011