The Road

Dass man für die bloße Existenz von Filmen wie THE ROAD dankbar sein muss, steht wohl außer Frage. Während die meisten Katastrophenfilme ihre Zuschauer allein schon ihres Drehbuchs und der Dialoge wegen an der Menschheit – bzw. der Relevanz des Fortbestands derselben – zweifeln lassen, gelingt es dem auf einer Geschichte von Cormac McCarthy basierenden Endzeitdrama ohne jeglichen Bombast und mit schonungsloser Unmittelbarkeit, die Konsequenzen eines von Menschen gemachten Weltuntergangs zu vermitteln. Dass dieser trotz seiner relativen Ereignisarmut nicht so ermüdend wirkt wie der vorangegangene Satz, ist auch gleich einer angenehmeren Aspekte dieses Films, der ansonsten weitgehend auf Annehmlichkeiten verzichtet.

Zentrum der Handlung ist der Mikrokosmos einer Vater-Sohn-Beziehung. Ein namenloser Witwer und sein Knabe schlagen sich durch die verseuchte, von Farbfiltern in absolute Tristesse gezwungene Einöde, vorbei an Ruinen, Autowracks und Kannibalen. Der nukleare Herbst hat sämtliches Leben vernichtet, und abgesehen von Käfern gibt es nur noch wenige Tiere, die nicht gestorben sind oder verzehrt wurden. Die letzten Vorräte entlang den Straßen sind längst verbraucht, die Häuser leer geräumt, die Leichen gefleddert. Der Überlebenskampf ist zu guten Teilen bereits stumpfer Verzweiflung gewichen, und mit eben solcher Verbissenheit kämpft der Vater um die Rettung seines Kindes. Dabei muss er erkennen, dass die notwendige Härte eines Beschützers ihren Tribut fordert, nicht nur an der eigenen Moral, sondern auch an der Beziehung zu seinem Sohn. Wer aufs pure Überleben fixiert sein muss, verliert zwangsläufig seine Menschlichkeit, und ist dabei doch näher am Mensch-sein, als jene, die sich aufgegeben haben.

Archaischer kann man eine Geschichte wohl kaum konstruieren, und es verdient höchsten Respekt, dass diese Kompromisslosigkeit auch vor der Inszenierung selbst nicht Halt macht. Kaum ein Satz, der nicht geflüstert wird, kaum ein Geräusch, dass nicht gedämpft erscheint. THE ROAD raubt seinen Zuschauern den Atem, nicht durch Bombast, sondern durch den Verzicht auf Verschnaufpausen jedwelcher Art. Die Stille scheint so absolut, dass man den gelungenen Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis kaum mehr wahrnimmt. Die Trostlosigkeit kennt keine Pause, kein Durchatmen, und der schleichende Irrsinn, der die Protagonisten befällt, wird durch seinen Mangel an Greifbarkeit nur umso deprimierender.

Deprimierend ist allerdings auch, dass der Film nicht wirklich viel zu sagen hat. Jedenfalls nicht viel Neues. Bei all der Intensität, die man dem Film keinesfalls absprechen darf, und trotz der Prämisse, die klarer und zugänglicher kaum sein könnte als hier, fehlt THE ROAD an jenes Quäntchen Persönlichkeit, dass ich schon bei McCarthys »Die Abendröte im Westen« schmerzlich vermisste. Wer sich für derartige Geschichten interessiert, ist mit dem erzählerischen Wegpunkten, den klassischen Fragen nach Moral, Ethik und Überlebenswillen, bereits gut vertraut und wird wenige bis keine Überraschungen erleben. Im Hinblick auf die Vater-Sohn-Dynamik hatte übrigens auch THE ROAD TO PERDITION, dessen Kinoplakat dem von THE ROAD erstaunlich ähnelt, mehr zu sagen. Tom Hanks mag einem Viggo Mortensen nicht das Wasser reichen, doch letztlich entscheidet hier das Drehbuch, wie viel ein Schauspieler einbringen darf.

So aktuell das Thema auch sein mag – jetzt womöglich noch mehr als zum Kinostart 2009 – mangelt der tragischen Tristesse doch an eben jenem Feuer, dass die Protagonisten in ihrem Inneren fühlen. Das nimmt THE ROAD nichts von seiner Kraft, lässt den Zuschauer aber auch mit dem Gefühl zurück, dass etwas mehr nötig gewesen wäre, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Was bleibt, ist eine Leere, die über den Abspann des Films hinausgeht. Ob der Film damit vielleicht genau das erreicht, was er erreichen sollte, muss jeder für sich entscheiden. Für mich kam THE ROAD leider einige Jahre zu spät.


TM, 08.05.2011