Haruki Murakami ist zweifellos ein großartiger Erzähler. Sein Talent, im vermeintlich Alltäglichen das Besondere zu entdecken, oder umgekehrt, das Surreale alltäglich erscheinen zu lassen, macht seine Geschichten zu ganz speziellen, wenn auch zuweilen schwer zugänglichen, Leseerfahrungen.
Was aber passiert, wenn man seine Geschichten auf ihr Mark herunter dampft, sieht man an NAOKOS LÄCHELN, der sich trotz vieler magischer Momente und poetischer Augenblicke in einer befremdlichen Banalität verliert. Zwar transportieren die zum Teil eindrucksvollen Bilder hinreichend jenen Stil, der ihn über Kontinente und kulturelle Gräben hinweg bekannt und beliebt gemacht, wer aber auch emotional auf seine Kosten kommen will, muss selbst viel Hingabe in den Film investieren.
NAOKOS LÄCHELN erzählt von einer Erfahrung, oder vielmehr einer Reihe von Erfahrungen, welche die meisten Menschen in einer relativ frühen Phase ihres Lebens machen. Jeder Mensch erlebt sie: diese eine Beziehung, jene eine, große Liebe, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt war. So kaputt, so “broken beyond repair”, dass sie einen ein Leben lang nicht mehr loslässt. Eine Beziehung, die man hinter sich lassen, aber nie ganz vergessen oder verschmerzen kann.
NAOKOS LÄCHELN verstrickt gleich mehrere dieser Beziehungen ineinander, wobei der Schwerpunkt klar auf der Beziehung des Protagonisten zu titelgebender Naoko liegt, die als Teenager vom Selbstmord ihres Sandkasten- und Jugendfreundes traumatisiert wurde. Während seines Studiums trifft Hauptfigur und Erzähler, der Student Toru Watanabe, besagte Naoko wieder. Er kannte Naoko und ihren verstorbenen Gefährten, war angesichts der engen Verbindung der beiden aber mehr Dreingabe als enger Bestandteil der Clique. Nun verliebt er sich in Naoko, deren stille Art ihn fasziniert, und als sie seine Zuneigung zu erwidern scheint, kommt es an ihrem 21. Geburtstag zu einer ersten, gemeinsamen Nacht. Eine unbedachte Frage führt jedoch zu einem Nervenzusammenbruch von Naoko, woraufhin sie sich in ein entlegenes Sanatorium zurückzieht, aus dem sie sich erst nach langer Funkstille wieder meldet.
Was folgt, ist eine Beziehung, die mehr von Flucht als Liebe geprägt scheint. Immer wieder zieht sich Naoko von Toru zurück, dennoch kann er die Hoffnung an eine gemeinsame Zukunft nicht aufgeben. In seinen Phasen der Einsamkeit flüchtet er sich immer wieder in die Lieb-/Bekanntschaft mit einer anderen Studentin, die jedoch unter der Last ihrer Neurosen ebenfalls kaum zu stehen vermag. Selbst sein Studienfreund, Lebemann und Diplomat in spe, ist nur ein Spielball seines von Affären geprägten Lebensstils und ein weiterer Satellit, dessen Schicksal Toru Watanabe umkreist und doch niemals wirklich berührt.
Es ist die größte Leistung des Films, dieses Kaleidoskop der Sehnsüchte und seelischen Wunden in malerischen, vor allem aber glaubwürdigen Szenen zu zeigen. Die Dialoge wirken lebensecht, die Handlung weitgehend realistisch und frei von jener metaphysischen Ebene, die viele andere Werke Murakamis auszeichnet. Damit bietet NAOKOS LÄCHELN eine ungemein breite Identifikationsfläche und scheint dafür prädestiniert, dem Zuschauer ans Herz zu gehen. Genau damit will es aber nicht so recht klappen.
Gerade WEIL die Geschichte von Themen erzählt, die in der persönlichen Erfahrungswelt eines jeden Zuschauers virulent sein sollten, erstaunt und erschreckt es, wie unzugänglich der Film auf emotionaler Ebene wirkt. Das liegt wohlgemerkt keinesfalls an kulturellen Unterschieden, und auch nur zum Teil daran, dass das Ende von Beginn an absehbar und unvermeidlich ist. Es sind die Figuren selbst, die abschrecken, denn so groß die Projektionsfläche im Hinblick auf die Handlung sein mag, die Charaktere selbst bleiben flach, ihr Seelenleben verschlossen. Der Film transportiert keinerlei Erkenntnisse oder Einblicke, die über den Erfahrungshorizont eines jeden Menschen hinaus gehen. In Kombination mit dem behäbigen Erzählstil und der scheinbaren Ziellosigkeit der Handlung gerät der über 2 Stunden lange Film somit zu einer echten Geduldsprobe. Hier drängt sich dann auch die Vermutung auf, dass ein Buch als Erzählmedium besser für diese Art von Geschichte geeignet ist als ein Film. Die subtile Bindung, die man als Leser zu einem MISTER AUFZIEHVOGEL aufbaut, ist bei einem Film wie NAOKOS LÄCHELN kaum zu erreichen. Und so bleibt am Ende die Frage, ob es entscheidend für ein Liebesdrama ist, die Figuren zu mögen.
Der Knackpunkt ist: Jede selbst erlebte, tragische Liebesgeschichte erhält ihren Wert durch den simplen Fakt, dass man selbst der Hauptakteur, der Betroffene, war. Es ist der natürliche Egoismus, der das Erlebte so magisch macht. Jede erzählte Liebesgeschichte muss dem Leser oder Zuschauer ermöglichen, jenen Egoismus auf die Figuren zu übertragen. An dieser Herausforderung scheitert das Drehbuch leider gnadenlos. NAOKOS LÄCHELN gelang es nicht, mich emotional abzuholen. Lange waren mir Protagonisten einer tragischen Geschichte nicht mehr so egal wie in diesem Film. Ich wünschte mir geradezu Tragödien herbei, um dem unentschlossenen Treiben etwas Zündstoff beizumischen. Obwohl NAOKOS LÄCHELN einige dramatische Momente hat, die auch durchaus funktionieren, bleibt es doch die Geschichte eines Anderen, und das hört sie über knapp zweieinhalb Stunden hinweg niemals auf zu sein. Dafür fehlt es an Energie, an einer klaren Perspektive. Die Projektionsfläche wird zum Spiegel, an dem der Blick des Zuschauers abprallt. Und in solch einem Fall darf man einen Film bei all seine Stärken dennoch als Fehlschlag bezeichnen.
Verhaltene Sex-Szenen, ein paar interessante Nebenfiguren, viel beklemmendes Schweigen und schöne Natur. Wer all das mag, man wird durchaus gut bedient. Wer jedoch eine Geschichte erwartet, deren Intensität mehr gelingt als nur an das zu erinnern, was man vielleicht selbst in der ein oder anderen Form erlebt hat, muss zwangsläufig enttäuscht werden. Für das, was er erreichen will, hätte er ein Buch bleiben müssen.
Der Beatles Song “Norwegian Wood” spielt auch in der Verfilmung von Haruki Murakamis gleichnamigem Roman eine zentrale Rolle. Er beschreibt im Wesentlichen den Kern des Films. Darin, dass ihm das besser gut gelingt wie der überlangen Verfilmung, liegt das eigentliche Dilemma von NAOKOS LÄCHELN.