The Tourist

Was macht ein Gondoliere abseits der Saison?
Er lässt sich treiben.

Ungefähr auf dem selben Niveau wie dieser Kalauer liegt THE TOURIST. Das Drehbuch ist ebenfalls ein Witz, der einem kein Schmunzeln auf die Lippen zwingt. Im Gegenteil. Man könnte wohl eine amüsante, auf jeden Fall interessantere Glosse darüber schreiben, wie dieser Film vermutlich zustande kam.

Wie Angelina Jolie und Johnny Depp überzeugt bzw. motiviert wurden, ihre jeweiligen Rollen zu übernehmen. Denn noch offensichtlicher als die Plotwendungen in diesem unfassbar mittelmäßigen Agententhriller ist, was für Gelegenheiten der Film den beiden Superstars bot. Blöd nur, dass die Imagejustierung nicht wirklich funktionieren will, und blöd ist auch, dass ich zu faul bin, diese Ideen in einen mitreißenden Text zu packen. Wenigstens das habe ich schon mal mit dem Drehbuchautor von THE TOURIST gemein.

Das Verwirrspiel ist, so viel sei dem Film zugestanden, ein redlicher Versuch, alte Tugenden wiederaufleben zu lassen. Er geht nicht den Weg der hyperrealistischen Actionthriller, vermeidet überbordende Farbfilter, hektische Schnitte und unnötige Grausamkeiten. Es ist ein High-Society-Abenteuer, in dem viele reiche / schöne / gut gekleidete Menschen gegeneinander antreten, ohne dabei jemals Gefahr zu laufen, allzu real oder bedrohlich zu wirken. Das erinnert an die Filme alter Schule, an WIE ANGELT MAN SICH EINEN MILLIONÄR, CHARADE, FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY oder meinetwegen auch OCEANS ELEVEN, wenn man an modernere Beispiele denkt, und weckt beim Zuschauer eher ein Verlangen nach Antipasti und Champagner als nach Popcorn und Pepsi. Es ist ein Film, der irgendwie auch in ein Regal mit SEX AND THE CITY gehört, aber weniger Zähneknirschen beim männlichen Publikum hervorrufen dürfte.

Eine sichere Wette und ein kluger Karriereschritt für Angelina Jolie und Johnny Depp, möchte man meinen. Leider klappt es mit der Chemie der beiden, sowohl untereinander als auch mit ihren jeweiligen Rollen, überhaupt nicht. Darauf, dass die unvermeidliche Romanze keine Millisekunde funktioniert, muss nicht extra eingegangen werden. In gewissem Sinne wird dies auch durch die Geschichte entschuldigt. Viel erstaunlicher ist jedoch, was auf der Ebene der einzelnen Figuren nicht passiert.

Angelina Jolie ist zweifellos eine gutaussehende Frau mit viel Präsenz. Hier aber soll sie eine Diva sein, die überfällige Nachfolge für Marlene Dietrich, Katharine Hepburn und Co, die Elizabeth Taylor dieser Generation, ein wenig unantastbare Schönheit, ein wenig Femme Fatale, eine anbetungswürdige, charismatische Frau, die selbst im aufwändigsten Abendkleid nicht wie ein Kleiderständer wirkt und selbst im exklusivster Gesellschaft noch heraus sticht wie ein Unterwäschemodel auf dem Jahrestreffen einer World of Warcraft Gilde.

An diesem Anspruch scheitert sie jedoch komplett, was wahrscheinlich bittere Ironie ist, denn im realen Leben kann man ihr eine derartige Wirkung wohl zugestehen. In einem auf Hochglanz polierten Hollywood-Abenteuer aber reicht es nicht, nichtssagend dreinzublicken und jede Unsicherheit anderer Figuren mit kaum verhohlener Abfälligkeit in Mimik und Worten zu strafen. Wie auf dieser Ebene ein love interest funktionieren soll, der über diverse Passagen des Films als Motivation für aufopferndes Handeln dienen muss, bleibt schleierhaft. Zumal es den wirklich großen Damen gelang, selbst in unvorteilhaften Rollen oder Momenten eine gewisse Erhabenheit zu vermitteln. Man denke hier nur an Lauren Bacall oder an die Dietrich in Orson Welles TOUCH OF EVIL

Wesentlich viel besser kommt auch Johnny Depp nicht weg. Es muss eine Erleichterung gewesen sein, nach all den Piraten, Schokoladenfabrikanten und Hutmachern mal wieder einen normalen Menschen zu spielen. Doch was er daraus machen darf, ist ein wässriger Aufguss der Rolle, die er in DIE NEUN PFORTEN wesentlich überzeugender und eindrucksvoller gespielt hat. Von der Sympathie, die man ihm gegenüber aus Reflex empfindet, einmal abgesehen, gibt es keinerlei Grund, wieso seine Rolle nicht auch von jemand anderem übernommen hätte werden können. Das mag unfair klingen, bringt die Problematik aber auf den Punkt, denn im Vergleich funktioniert Paul Bettany als CIA Pitbull deutlich besser.

Auf die Geschichte samt vorhersehbarer Auflösung einzugehen, erübrigt sich. Wenn die Kleinverdiener und Konzernameisen zum Abendessen aus der Microwelle Seifenopern, Sportfernsehen oder Krimiserien laufen lassen, ist THE TOURIST jene Art von Film, die der Mittelschicht beim Essen nicht den Appetit verderben würde. Günstiger kommt man nicht an Luxus-Ambiente kaum heran. Befriedigend ist das aber nicht. Anfassen bleibt verboten.

THE TOURIST ist so mitreißend wie Brackwasser und so tiefgründig wie ein Tümpel. Schlussendlich treibt er weit an seinem Potenzial vorbei, raus aus Venedig, auf das offene Meer, wo er sang- und klanglos absäuft. Wer Freude daran hat, sich sowas anzusehen, muss sehr genügsam sein. Oder ein Elendstourist.


TM, 28.07.2011