Zeitreisen sind möglich. Zumindest in die 90er. Nach der Rezension der Schlaftablette WALL STREET – MONEY NEVER SLEEPS lieh mir ein Insider HIGH SPEED MONEY, mit der Anmerkung, der Film sei nicht frei von Schwächen, fange die Mentalität der Branche aber treffender ein. Was diesen letzteren Aspekt betrifft, kann ich mir kein Urteil anmaßen. Doch wenn ROGUE TRADER (so der Originaltitel) einen Eindruck vermittelt, dann den der Glaubwürdigkeit. Kunststück – er basiert auf einer wahren Geschichte.
Wer sich für den Inhalt interessiert, braucht nur den “Nick Leeson” Artikel auf Wikipedia aufrufen. Dort wird der Aufstieg und Fall des britischen Derivatehändlers, der im Alleingang eine renommierte Traditionsbank in die Knie zwang, gut zusammengefasst. Was diesem Beitrag allerdings fehlt, ist die emotionale Komponente, ein Eindruck in das Seelenleben des Protagonisten. Hier kommt ROGUE TRADER zum Zug. Ewan McGregor funktioniert in der Hauptrolle insofern gut, da er dem uninteressanten und gewöhnlichen Leeson mit seinem Charme etwas Charakter gibt, und somit dessen Funktion als Sympathieträger auf darstellerischer Ebene sichert.
Zu dem Zeitpunkt, als dieser die Konsequenzen seines Handelns begreift und ein verzweifelter Existenzkampf beginnt, ist somit trotz mangelndem Profil genug Projektionsfläche vorhanden, um aus der wachsenden Verzweiflung des Hochstaplers etwas Spannung zu generieren. Und das, obwohl die ein oder andere Station mit einer Selbstverständlichkeit abgehandelt wird, an der (damals) auch ein McGregor scheitern musste. ROGUE TRADER ist deshalb kein weiterer WALL STREET (1), aber er vermittelt einen soliden, weitestgehend nachvollziehbaren Eindruck des Systems, seiner Perversionen und Schwächen. Man lernt nicht viel, hat aber auch selten den Eindruck, von der Handlung allein gelassen zu werden.
Wirklich wichtig ist das alles nicht. Wer ernsthaft heute eine erste Sichtung antritt, darf sich auf einen massiven Verfremdungseffekt gefasst machen. ROGUE TRADER ist in Inhalt und Form durch und durch ein 90er Jahre Film. Kleidung, Frisuren, Musik, Bild, Kamera, Erzählweise – auf seine Weise wirkt er stellenweise DEUTLICH älter als frühere Filme McGregors. Zum Teil ist dies natürlich der Handlung zuzuschreiben, bzw. der Zeit, in der sie spielt. Das ändert aber nichts am Ergebnis. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal einen Film mit derart viel Voice-over gesehen habe, bei dem es nicht ironisch oder als reines Stilmittel eingesetzt wurde.
Es fällt schwer, eine Empfehlung für einen Film auszusprechen, der solide, aber in allen Punkten schlecht gealtert ist. Für sich genommen kann ROGUE TRADER heute kaum mehr bestehen. Es sei denn, man hat Freude an einer kleinen Zeitreise. An der Thematik Interessierten ist deshalb eher zum Buch zu raten.