Es liegt in der Natur des Menschen, der Intensität und Energie der eigenen Jugend nachzutrauern und im nächsten Atemzug der aktuellen Jugend eben solche abzusprechen. Von Ausnahmen abgesehen wird das, was im Jetzt für Spannung sorgt, vom Gestern stets verurteilt. Im Medium Film äußert sich dies darin, jedes Remake argwöhnisch zu beäugen, dem modernen Studiosystem jegliche Innovationsbereitschaft abzusprechen und – vor allem – den Mangel an echter Größe in der aktuellen Generation von (männlichen) Schauspielern zu beklagen.
Inwieweit diese Vorwürfe richtig scheinen oder sogar sind, muss jeder für sich entscheiden. Zweifellos haben Namen wie Paul Newman, Robert Redford, Dustin Hoffmann, Robert deNiro, Charlton Heston, Marlon Brando, Humphrey Bogart, James Stewart, Kirk Douglas, Jack Nicholson, Robert Mitchum, Clint Eastwood, Al Pacino (die Liste lässt sich fortführen) heute einen Nachhall, in dem Vermissen deutlich mitschwingt. Darsteller, deren Präsenz auf der Leinwand das romantische Bild von Film und Kino vollendeten und bis heute prägen. Ein Edward Norton hier sowie ein Leonardo DiCaprio oder ein Christian Bale dort können der Nostalgie nicht das Wasser reichen. Es reicht der Ausschnitt eines Klassikers, ein bloßer Satz, um an eine Zeit zu erinnern, in der nicht allein Effekte für Staunen sorgten.
Das dies ein Zerrbild ist, wird kaum jemand anzweifeln. Manch Name hat bereits die gleiche Wirkung (Gary Oldman, Kevin Spacey), manch Anderer kam lediglich spät zu seiner vollen Blüte (Viggo Mortensen, Liam Neeson). Nicht wenige Schauspieler sind dabei, ihren persönlichen Weg zur Unsterblichkeit zwischen Blockbustern und Indie-Produktionen zu finden. Heath Ledger hat es geschafft, leider auf furchtbar falsche Weise. Legenden, die der Tod geschaffen hat, kranken stets an Verklärung. Dabei zeigte sein Spiel in THE DARK KNIGHT eindrucksvoll, wie Intensität heute funktionieren kann. Tom Hardy ist ein weiterer, naheliegender Name, den man sich nicht allein des nächsten BATMAN Films wegen vormerken sollte. Doch auch er ist ein Mann der Extreme, und wo er landen wird, scheint ungewiss.
Ein großes Rätsel ist Ryan Reynolds. Hier gesellt sich THE NINES zu GREEN LANTERN, AMITYVILLE HORROR zu SMOKIN’ ACES und PAPER MAN zu SELBST IST DIE BRAUT. Das er sein Handwerk versteht, steht außer Frage. Doch auch den für Programmkinos geeigneten Stationen seiner Laufbahn fehlt es oft an eingangs beschriebener Intensität. Ob er sie zu selten zeigen darf, oder mit dem Gezeigten bereits an seine Grenzen stößt, scheint mir unmöglich zu beurteilen. Zu häufig scheint er mehr Projektionsfläche als Leuchtfeuer zu bleiben. In einem Film wie BURIED, der nicht mehr und nicht weniger als eine Ein-Mann-Tour-de-Force darstellt, sollte genau das aber eigentlich deutlich werden.
Über den Film selbst sagt man am Besten nichts. Die gesamte Wirkung des Kammerspiels ist davon abhängig, wie viel der Zuschauer bereits weiß, und wie rückhaltlos er sich auf das Geschehen einzulassen vermag. Das ist kein Allgemeinplatz: BURIED im Kino gesehen zu haben, mag gut für die Einspielergebnisse gewesen sein, es gab aber in den letzten Jahren wohl kaum einen Film, bei dem das Risiko, unter dem Publikum zu leiden, größer war. Ein Film, der in einem geschlossenen Sarg spielt, und entsprechend über lange Strecken mit Dunkelheit, leisen Geräuschen und dem Grauen der todbringenden Isolation arbeitet, ist für größere Gruppen schlichtweg ungeeignet.
Wer allein oder zu zweit auf seinem Sofa sitzt und auf Beleuchtung verzichtet, darf sich aber auf ein eindringliches kleines Werk einstellen, dass aus dem restriktiven Setting mehr heraus holt, als man dem “modernen Film” eigentlich zutraut. BURIED ist spannend, beklemmend, anrührend und kompromisslos, und es wäre hirnverbrannt, dafür allein Drehbuch und Regisseur zu loben. Ryan Reynolds ist hier definitiv auf dem Zenit seiner Karriere angelangt, denn der Film zeigt mehr Facetten seines Fähigkeiten als all seine bisherigen Auftritte zusammengenommen.
Das ein solcher Film nicht an jedem Tag und für jeden Zuschauer funktionieren wird, sollte nachvollziehbar sein. Wenn aber die Umstände stimmen, bekommt man nicht nur einen starken Film geboten, sondern auch einen Grund, wieder etwas Glauben an ein Medium zurück zu gewinnen, dass in letzter Zeit mehr mit 3D-Spielereien und Produktionen wie “Schiffe versenken” beschäftigt schien.
In BURIED findet ein Talent zu seiner höchsten Form, und die Kunst der Reduktion zu seltenem Glanz. Wer das erkennt, darf seine Vorurteile begraben.