Rango

Die wichtigste Szene in einem, auf Knirpse ausgerichteten, Animationsfilm ist der Moment der Erkenntnis. Der Augenblick, in dem der Held oder die Heldin erkennt, dass Freunde das Wichtigste im Leben sind / man sich immer treu bleiben muss / jedem Ende auch ein Anfang innewohnt / allein sein irgendwie doof ist. Zweck dieser Szene ist, die Moral der Geschichte her- und das glückliche Ende einzuleiten – sprich: jenes Finale zu provozieren, das für Zuschauer mit zweistelligem Alter meist schon seit einer ganzen Weile absehbar ist.

Wenn man möchte, kann man diese Momente als Höhepunkte oder Wendepunkte der jeweiligen Erzählung betrachten. Was man dabei aber bedenken sollte: Es sind nicht unbedingt diese Momente, an die man sich Jahre später noch erinnert. Und somit nicht die Momente, die den jeweiligen Film definieren.

Bei RANGO hingegen könnte das durchaus passieren, denn hier ist der Film ganz nah an dem, was er hätte sein können – und leider die meiste Zeit über nicht ist. Hinzu kommt, dass man den klugen Köpfen hinter diesem Projekt mehr ebensolcher Momente gewünscht hätte, denn auf jedes Details, dass frechen Humor versprüht, kommt eine Szene, die sich schamlos genretypischer Konventionen bedient.

RANGO ist eine klassische “fish out of water”-Geschichte. Ein schräger Einzelgänger landet durch einen unglücklichen Zufallen in einer Umgebung, die ihm prinzipiell feindlich gesonnen ist. Als “odd man out” flüchtet er sich in ein Lügengespinst, das erst zum Selbstläufer wird und ihn dann umso härter wieder einholt. Der Held scheitert an seiner Rolle und an sich selbst, nur um schlussendlich über sich hinaus zu wachsen und zu entdecken, welche bislang unentdeckten Stärken in ihm schlummern.

Gähn.

Apropos Stärken: Es ist nicht so, dass RANGO keine Vorzüge hätte. Das Charakterdesign ist nett, der Humor frech, und die popkulturellen Anspielungen zahlreich, ohne dabei auf Kosten der Geschichte und der Atmosphäre zu gehen, wie man es dem SHREK-Franchise beispielsweise unterstellen kann. Besonders der Mut zur Hässlichkeit verdient lobende Erwähnung, denn auch wenn sämtliche Protagonisten wieder einmal Tiere sind, erlaubte man sich wenigstens, das bewährte Niedlich-Schema beiseitezulassen und Charaktere zu entwerfen, die einem dreckigen Western-/Wüsten-Setting angemessen sind.

Man könnte fast so weit gehen, anzumerken, dass der Trend zur düster-erwachsenen Stilistik, der sich bereits in allen anderen Genres erfolgreich etabliert hat, nun endlich auch im amerikanischen Animationsfilm Einzug gehalten hat. Da ich nicht für mich in Anspruch nehmen kann, das Genre konsequent ergründet zu haben, und konstant gleißendes Sonnenlicht schwerlich mit “Düsternis” vereinbar ist, soll dies aber lediglich als persönlicher Eindruck festgehalten werden.

Zurück zum Film: Für jede dieser Stärken gibt es aber eben jene erwähnten Klischees, von der kindgerechten Romanze bis zum grausig vorhersehbaren Hauptplot, die abseits der netten Witze gähnende Langeweile aufkeimen lassen. Dass einige der Running Gags vollkommen baden gehen, verstärkt diesen Effekt weiter und bringt die ohnehin schon bebende Waagschale immer wieder aus dem Gleichgewicht. Augenfälligstes Beispiel dafür ist die mexikanische Eulen-Band, die durch die Geschichte führt und die Lage des Helden sporadisch kommentiert, im Vergleich mit den offensichtlichen Vorbildern (z.B. Madagascars Pinguine) jedoch schrecklich blass und uninspiriert wirkt – oder eben wie der Abklatsch einer längst überstrapazierten Idee. Und selbst wenn dieser Vergleich abgewiesen werden müsste, bleibt offensichtlich, dass man über die reine Idee hinaus nicht viel mit den musizierenden Eulen anzufangen wusste. Was zu Beginn noch Auflockerung verspricht, wird bald zur drögen, und somit störenden, Unterbrechung, und eignet sich gerade wegen der geringen Relevanz für den Film als exemplarisches Beispiel für dessen Unzulänglichkeiten.

Den größten Makel bildet jedoch die Laufzeit. Gemessen an Menge und Komplexität seiner Handlung sowie der Dichte an Ideen ist Rango je nach Duldsamkeit 20 – 40 Minuten zu lang. Selbst die ausufernden Actioneinlagen geraten eigenartig dröge, da es auch ihnen an Herz mangelt. Dies ist sicher dem Director‘s Cut geschuldet, der auf der BluRay zur Verfügung steht, doch wer die Wahl hat, wählt nun mal die längere Fassung, und sei es nur in dem Glauben, ein paar nette Details mehr geboten zu bekommen. Wer sich beherrschen kann, ist mit der Kinofassung wahrscheinlich deutlich besser beraten.

RANGO versucht sich daran, einen prinzipiell kindgerechten Animationsfilm subversiv zu gestalten und setzt dafür verstärkt auf schmutzige Western-Satire sowie Anspielungen auf Hunter S. Thompson, die durch Johnny Depp als Sprecher des titelgebenden Protagonisten kaum deutlicher geraten könnten. Die Kompromisslosigkeit, die sich dabei stellenweise bemerkbar macht, ist für erwachsenes Publikum durchaus interessant, greift aber nicht tief und weit genug, um den Film zu tragen. Das gilt auch für die popkulturellen Anspielungen, die zwar stellenweise weniger plump wirken als bei der Konkurrenz, letztlich aber auch nicht den mangelnden Sympathiegehalt ersetzen können.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass RANGO trotz einiger Qualitäten weit hinter seinem Potenzial zurück geblieben ist, und die Frage, durch wen und wann endlich wieder etwas frischer Wind ins Genre kommen wird. Glaubt man dem, was der Trailer des neuen Pixar-Werks verspricht, können wir uns auf eine längere Dürre einstellen.


TM, 12.02.2012