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Rachefilme sind wie ihre Protagonisten. Einfach nicht tot zu kriegen. Dabei hat das Genre seine Blütezeit längst hinter sich. Als Darsteller wie Charles Bronson in den 70er und 80er Jahren der Selbstjustiz ein Gesicht gaben und jegliche Zwischentöne vom Mündungsfeuer ihrer Schusswaffen überblendet wurden, war die Welt noch in Ordnung – beziehungsweise eben nicht, was den hauptsächlich mittelmäßigen bis gotterbärmlichen Produktionen einiges an Rückenwind bescherte. Dann kamen die 90er, und die Filme verschwanden in den Actionregalen der Videotheken und im Nachtprogramm der Privatsender, um schließlich auf billig produzierten VHS-Kassetten in den Wühltischen der Supermärkte zu vergammeln. Die Welt war immer noch nicht in Ordnung, aber Rachefilme alter Schule waren out.
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THE DISAPPEARANCE OF ALICE CREED war ein Geheimtipp auf dem 24. Fantasy Filmfest 2010, der ohne die Konkurrenz von FOUR LIONS gute Chancen gehabt hätte, zum Gewinner des FRESH BLOOD Wettbewerbs gekürt zu werden. Das Erstlingswerk von J Blakeson, der auch das Drehbuch schrieb, präsentiert sich als geradliniger, bissiger Thriller, der auf übertriebene Gewalt und zwanghaftes Schockieren verzichtet. Dafür kann man ihn nicht genug loben, besonders da die eröffnenden Minuten, in denen zwei schweigsame Männer ein Zimmer flucht- und schalldicht versiegeln, zunächst Schlimmstes erwarten lassen. Was folgt, ist jedoch kein Abstieg in die finstersten Abgründe menschlicher Triebe, sondern ein Kammerspiel mit großartiger Dynamik zwischen den lediglich drei Figuren, mit denen der Film auskommt.
André Øvredal liebt seine Heimat und ihre Legenden. Vermutlich zumindest, denn sie waren Grund genug, 10 Jahre nach seinem ersten (und letzten) abendfüllenden Spielfilm wieder als Regisseur und Drehbuchautor aktiv zu werden.
Was die Vermarktbarkeit betrifft, macht er dabei auch gleich etwas richtig, denn Troll Hunter lässt sich mit wenigen Worten ebenso griffig wie treffend beschreiben: Blair Witch Projekt mit Trollen.
Das war es dann auch schon. Wir haben eine junge Filmcrew, die in die Pampa reist, um einer fixen Idee hinterher zu jagen (in diesem Fall einem Interview mit einem Wilderer), einen wahren Höllentrip durchlebt und letztlich spurlos verschwindet. Bis es so weit ist, darf viel mit der Kamera gewackelt und herum geschrien werden. Und bis es überhaupt SO WEIT ist, wird sinnlos herum gefilmt, um die Figuren beiläufig einzuführen.
Was für ein Film! ENTER THE VOID kann man mit einer Inbrunst hassen, die ihresgleichen sucht. Nicht, weil er per se viel Angriffsfläche bietet, sondern weil er bedingungslose Hingabe vom Zuschauer verlangt. Sperrig erzählt, gewöhnungsbedürftig gefilmt und unkonventionell strukturiert vermag er – wortwörtlich – von der ersten Sekunde an auf die Nerven zu gehen. Wem es aber gelingt, sich auf ihn einzulassen, wird in hohem Maß dafür entlohnt. ENTER THE VOID ist ein Film, in dem man sich verlieren kann – ja, muss – und der, wenn dies vollbracht ist, zu einer Reise wird, die noch lange im Zuschauer nachhallt.
Schuster, bleib bei deinem Leisten. LITTLE BIG SOLDIER funktioniert als Abenteuerfilm mit Herz genau in jenen Szenen, in denen Jackie Chan das tut, was er am Besten kann: Martial Arts mit einfachem, verschmitztem Humor anreichern. Mit dieser Einsicht lässt sich das Drehbuch leider Zeit. Der augenzwinkernde Charme des kleinen Mannes, der eigentlich kein Held sein will, hat Chan berühmt gemacht, braucht hier aber erstaunlich lange, um in die Gänge zu kommen.
Filme wie THE SHINJUKU INCIDENT (den ich nicht gesehen habe) lassen vermuten, dass LITTLE BIG SOLDIER ein weiterer Versuch von Chan war, ein ihm wichtiges Thema oder eine ihm wichtige Geschichte mit etwas mehr Ernst zu behandeln, als die breite Masse von seinen Filmen gewohnt ist. Leider funktioniert dies nur insoweit, dass der Film ohne Chans »special sauce« wie jeder x-beliebige, asiatische Mittelalterfilm daher kommt: austauschbar und unterkühlt pathetisch. WEITER
Für einen Schauspieler ist es zweifelsfrei von Vorteil, schamlos zu sein. Für einen Regisseur? Nicht so sehr. Neil Marshall ist ein Guilty Pleasure Regisseur allererster Güte, doch wer schon DOOMSDAY oder DOG SOLDIERS nicht fantastisch fand, wird an dem drögen CENTURION wenig Freude haben. In wesentlichen Punkten wirkt der auch von Marshall geschriebene Film nämlich wie ein Abklatsch von KING ARTHUR auf Groschenheft-Niveau, was angesichts des Vergleichstitels und je nach persönlichem Anspruch an Abenteuerfilme dieser Art erstaunlich bis erschreckend klingen dürfte.
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Kann ein Film über Kritik erhaben sein? Es gibt Filmemacher, die sich darauf berufen, indem sie ihre Machwerke als Kunst deklarieren. RUBBER hat das nicht nötig. RUBBER stellt sich dem Vorwurf, den seine Grundidee unweigerlich provoziert, mit der schlimmsten Sache, die einen Film eröffnen kann (von einer Traumsequenz mal abgesehen): Einem ausufernden Monolog, direkt ans Publikum gerichtet. Diesem gelingt jedoch, woran solche Prologe sonst zwangsläufig scheitern – er rückt das Kommende ins rechte Licht, ohne den Zuschauer zu bevormunden, und fügt sich dabei bereits unmerklich in das Filmgeschehen ein. Mehr noch: Er demonstriert durch Inhalt und Inszenierung seine eigentliche Aussage, bevor er sie artikuliert, und beweist damit, dass die Prämisse funktioniert. Auch was vollkommen sinnfrei und beliebig scheint, kann unterhaltsam sein, wenn man nur frech und kompromisslos genug ist, seine Idee durchzuziehen.
Rollin‘ rollin‘ rollin‘
Though the limbs are swollen
Keep that camera rollin‘
Rawhide!
Es gibt genau einen Grund, sich THE SILENT HOUSE anzusehen. Der kleine, unauffällige Spukfilm wurde – laut Aussage der Macher – in einer einzigen Einstellung gedreht. Kein Schnitt, keine Abblende, kein Szenenwechsel, nichts. Die Protagonistin wird unterbrechungsfrei auf ihrem Horrortrip begleitet, der damit beginnt, dass die junge Frau mit ihrem Vater ein abgelegenes Landhaus für den Verkauf herrichten soll. Alles was passiert, geschieht demnach in Echtzeit, beginnend mit der einsetzenden Dämmerung, der ersten Filmminute. Das Grauen, das die junge Frau im Haus erwartet, entsteht somit ohne plötzliche Umblenden und Schock-Momente, welche auf Schnitttechnik angewiesen sind. WEITER
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Im Westen nichts Neues: Wenn ein Trailer eine Intensität verspricht, die das Endprodukt nicht liefern kann, hat man es in der Regel mit Blockbuster-Kino zu tun, das über ein ansehnliches Budget, werbewirksame Actionszenen und eindrucksvolle CGI-Effekte verfügt. Die Ausnahmen sind deshalb nicht weniger enttäuschend. Mit seinen Trailern, von denen einer komplett auf Sprechtext verzichtete, versprach RED HILL atmosphärische Bilder und weckte Neugierde auf einen spannenden Genremix aus Western, Horror und Thriller. Das mag der Film auch streng genommen sein. Leider funktioniert er in keiner dieser Kategorien besonders gut.
Um auch diesen Beitrag traditionsgerecht mit der Metaphernkeule einzuschwingen: Idee und Ausführung sind häufig zwei Paar Stiefel, die so gar nicht im Takt miteinander marschieren wollen. Umso erfreulicher ist es, zu erleben, wie eine frische Idee mit Konsequenz, Wagemut und Liebe zum Detail zu einer stimmigen Inszenierung findet.
Zum Wesentlichen. CHATROOM erzählt von fünf Teenagern aus Chelsea, die sich eher zufällig in einem Online-Chat treffen. Aus dem ersten, zaghaften Kennenlernen entsteht bald ein Zusammengehörigkeitsgefühl, dass sich jedoch ebenso schnell als gefährliche Illusion entpuppt. Unter dem Einfluss des charismatischen Gründers der Gruppe – in Wirklichkeit ein hochneurotischer, sadistisch veranlagter Egomane – bewegen sich die Freunde unaufhaltsam in einen Sog aus Manipulation und Grausamkeit, dessen Folgen erst richtig absehbar werden, als es bereits zu spät ist. Auf das genaue wie, wer und warum soll im Hinblick auf eventuelle Spoiler nicht näher eingegangen werden. Die Handlung ist – man lese und staune – für diese Rezension zweitrangig. CHATROOM lebt von seiner Inszenierung, und diese ist absolut gelungen.
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Sechs Männer sitzen in einer leergeräumten Werkhalle und langweilen sich. Sie spielen Karten, rauchen, trinken Bier und ziehen mit groben Witz übereinander her. Die Stimmung ist angespannt. Seit Wochen warten sie darauf, ihre Abfindung zu erhalten, doch bis zur ersehnten Zahlung sind noch gut 14 Tage abzusitzen, und in dieser Zeit ist ihnen außer Nichtstun eigentlich alles verboten. Würde man sie beim Kartenspielen, Saufen oder dem unerlaubten Verlassen des Geländes ertappen, könnte man sie entlassen, und jeglicher Anspruch auf eine Abfindung wäre dahin.
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Der zweite Film nach MONSTERS, der mich auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest an meinem Geschmack – oder zumindest dessen Übertragbarkeit auf andere Menschen – zweifeln ließ, war TUCKER & DALE VS EVIL. Ich wünsche wirklich niemandem, in einem quasi ausverkauften Kinosaal zu sitzen, in dem sich gefühlte 98% der Besucher vor Lachen biegen, während man selbst mit amüsiertem Schmunzeln, aber zunehmender Irritation, dem Geschehen auf der Leinwand folgt. Die Befremdung entstand dabei nicht durch den Film an sich, sondern durch den konstanten Abgleich des Dargebotenen mit den Reaktionen des Publikums. Einen Verfremdungseffekt, wie ich ihn dort erleben durfte, hätte ich bei der Vorführung einer Adam-Sandler-Komödie in einer Jugendherberge erwartet, nicht aber bei einer kleinen Horrorkomödie, deren Prämisse bei Lektüre des Programms mir sofort ein Grinsen abgewann.
Nur wenige Filme haben mich in diesem Jahr so – kurz, aber heftig – an meinem Geschmack zweifeln lassen wie MONSTERS. Direkt nach der Vorstellung ließ ich mich in meiner Euphorie sogar zu einem »Eins mit Stern« hinreißen, nur um in fassungslose Gesichter zu blicken und die Wertungen Anderer zu hören, die mit einem »Haben wir den selben Film gesehen?« begannen und mit einem »Mit viel Wohlwollen eine Drei« endeten. Nun, da sich das Gesehene gesetzt hat, bin ich geneigt, dem Film sein Sternchen abzuerkennen. Das absolute Nonplusultra ist er nicht. Bei meinem generellen »sehr gut« will ich aber bleiben.
Wie ein Modelleisenbahnfan, ein Zauberkünstler oder ein Kunstspucker lernt der Comic-Connoisseur früh damit zu leben, für seine Leidenschaft belächelt zu werden. Daran haben auch die vielen, teils sehr erfolgreichen Comic-Verfilmungen der letzten 10 Jahre wenig geändert. Was ist ein ROAD TO PERDITION, ein AMERICAN SPLENDOR, ein FROM HELL oder ein IMMORTAL (wie man sie finden mag, mal beiseite) gegen SPIDER-MAN, IRON MAN und die X-MEN, gegen 300 oder ein SIN CITY? Am Ende des Tages geht es den Comic-Verfilmungen wie manchen Frauen (und diversen Männern): Sie werden für Ihr Aussehen geschätzt, nicht für ihren Charakter und ihr Talent respektiert. Daran ändert auch ein WATCHMEN oder ein V FOR VENDETTA wenig.
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Am Anfang dieser Kritik stand ursprünglich eine irrsinnig clevere Einleitung, die damit begann, dass Konversationskärtchen überflüssig seien, solange es Filme gibt, über die sich leidenschaftlich und hitzig diskutieren lässt. Abgesehen davon, dass die Überleitung ziemlich austauschbar klingt (lies: hinkt) und Gesprächsthemenwahl auf Basis vorgefertigter Stichworte grundsätzlich höchst verwerflich ist, hatte dieser Vergleich zwei Probleme: Erstens hielt er sich für cleverer, als er tatsächlich war. Zweitens fiel mir ein, dass ich mir die Mühe eines eloquenten Aufbaus sparen konnte, wenn ich mich statt dessen in simple Obskurität stürzte. Wie es der Zufall so will, sind dies auch die Makel, die METROPIA zu Fall bringen.
Hat irgendwer, der nicht musste oder sich als Fan bezeichnen würde, David Lynchs INLAND EMPIRE gesehen? Mich schreckt noch immer die Laufzeit ab. Statt dessen wünsche ich mir Filme wie WILD AT HEART, LOST HIGHWAY oder BLUE VELVET zurück. Was das mit THE KILLER INSIDE ME zu tun hat? Ganz einfach: THE KILLER INSIDE ME ist die Art von Film, die Lynch vielleicht gemacht hätte, wenn er nicht den MULHOLLAND DRIVE genommen hätte.
Der noireske Kleinstadt-Thriller hat vieles mit letztgenannten Titeln gemein, atmosphärisch, erzählerisch, stilistisch. Das ist – ebenfalls wie bei einem echten Lynch – erst einmal gewöhnungsbedürftig, wenn nicht sogar abschreckend – schlussendlich aber durchaus sehenswert. WEITER
Wenn sich eine gealterte Kino-Ikone, quasi das personifizierte Synonym für Coolness, in seinem neuen Film mit einer gewalttätigen Jugendgang anlegt, und dabei Zivilcourage mit Western-Attitüde mischt, dann klingt das zunächst wie: GRAN TORINO, nicht wahr?
Ist es aber nicht. Und das werden Einige als Mangel werten. Denn auch wenn Michael Caine einer der wenigen Schauspieler sein dürfte, der Clint Eastwood in Sachen klassischer Coolness das Wasser reichen kann, schlägt sein lupenreiner Rachethriller HARRY BROWN gänzlich andere Töne an als Eastwoods anrührende Milieustudie. WEITER
Wenn das Lob eines Idioten schlimmer als der Tadel eines Weisen ist, dann sind die Verrisse, die THE SCOUTING BOOK FOR BOYS mancherorts einstecken musste, im Umkehrschluss ein wahrer Ritterschlag. (Bemühte Einleitung – check) Der erste Spielfilm von Regisseur Tom Harper ist ein stimmungsvolles Teenager-Drama, dass ein eigentlich banales Thema mit so viel Feingefühl vermittelt, dass man nur respektvoll den Cineasten-Zylinder lüpfen kann.
Zur Story: Der schüchterne, etwas begriffsstutzige David und die kesse, frühreife Emily sind Sandkastenfreunde, wie sie kaum ein Bilderbuch zu zeigen wagt. Von ihren Eltern weitgehend ignoriert, verbringen sie ihre Kindheit in einem küstennahen Trailerpark mit einer Sorglosigkeit, die ihresgleichen sucht. Streiche, Diebstähle, Sachbeschädigungen, endlose Schwimmbadbesuche und halsbrecherische Kletterpartien bilden ihren Alltag, der trotz der schwierigen Verhältnisse, in denen sie leben, wie ein einziger, endloser Urlaub scheint.
Man muss einen Film nicht mögen, um ihn zu empfehlen, aber es hilft. THE APE kann technisch einiges für sich verbuchen, scheitert aber an einem Ungleichgewicht von Inhalt und Form, so dass man ihm schlussendlich attestieren muss, nur eingeschränkt zu funktionieren.
Der Film erzählt von einem Mann, der morgens blutverschmiert in seiner Wohnung aufwacht, ohne sich an die Geschehnisse des vorherigen Abends zu erinnern. Da das Blut nicht sein eigenes ist, wäscht er sich und beginnt – wenn auch konsterniert – mit seinem gewohnten Tagewerk. Es geht nicht lange gut. Angst- und Wutattacken plagen den Mann, jegliche Interaktion mit anderen Menschen kostet schier übermenschliche Kraft. Das Gefühl konstanter Bedrängnis treibt ihn bald aus seinem gewohnten Alltag in eine Orientierungslosigkeit, die ihn erst zur Lösung des Rätsels, dann ganz nah an den Kern seines eigenen Wesens bringt.
Wenn es etwas Abschreckendes bei THE LAST EXORCISM gibt, dann ist dies nicht das neckische Poster, bei dem Aerobic-Kultisten feuchte Augen bekommen, sondern das Stilmittel, mit dem das Erstlingswerk von Regisseur Daniel Stamm seine Geschichte erzählt. Ein Kamerateam begleitet einen Prediger auf seinem »letzten Exorzismus«, um eine Dokumentation über die betrügerischen Praktiken zu drehen, mit denen arglos-fanatische Hinterwäldler hinters Licht geführt und um ihr Geld erleichtert werden. Es kommt natürlich alles anders, aber wirklich überraschen wird das niemanden, denn Filme dieser Art gibt es zuhauf.